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Kindeswohl richtig einschätzen in der sozialpädagogischen Familienbegleitung

18.06.2026 Wenn sozialpädagogische Familienbegleiter*innen beigezogen werden, geht es um mehr als Alltagshilfe: Es geht um die Sicherung des Kindeswohls. Zwischen Vertrauen und Meldepflicht müssen Familienbeglei­ter*in­nen Risiken erkennen und handeln. Ein Ampelsystem gibt Orientierung und Sicherheit.

Das Wichtigste in Kürze

  • Neues Ampelsystem hilft sozialpädagogischen Familienbegleiter*innen, Kindeswohl‑Risiken schnell einzuschätzen und das passende Vorgehen zu bestimmen.
  • Praxisnah: Team‑Abklärung, Gespräch mit Eltern und klare Handlungswege bei Orange/Rot — am Beispiel der Familie Schneider zeigt sich binnen drei Monaten deutliche Verbesserung.
  • Entwickelt für mehr Rechtssicherheit und Transparenz: positives Feedback aus dem Fachkurs; Veröffentlichung als Leitfaden geplant.

11.00 Uhr. Die sozialpädagogische Familienbegleiterin (SPF) Ariane Meyer klingelt bei Familie Schneider. Frau Schneider öffnet – müde, im Schlafanzug. Drinnen sitzen Emily (4) und Tim (2) vor dem Fernseher: Chips, Cola, kein Kindergarten, keine Kita – obwohl die KESB das angeordnet hatte. Als Ariane Meyer Emily begrüsst, fällt ihr eine leuchtend rote Wange auf. «Emily wollte nicht», sagt die Mutter. Ariane Meyer fragt sich: Reicht meine aufsuchende Arbeit noch – oder braucht es mehr Hilfestellung?

 

Sozialpädagogische Familienbegleiter*innen (SPF) begleiten Familien wie die Schneiders in schwierigen Lebenslagen und Krisen, meist im Auftrag der Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde (KESB) oder des Sozialdienstes – manchmal werden sie auch von den Eltern selbst beauftragt. Sie arbeiten gemeinsam mit den Familien zuhause unter aanderem an Erziehungsthemen, einer Tagesstruktur und sicheren Eltern-Kind-Beziehungen.

Vertrauen versus gesetzliche Meldepflicht

Damit Veränderung möglich wird, ist eine vertrauensvolle Beziehung unabdingbar. Gleichzeitig ist die SPF (nach Art. 314d ZGB) zur Meldung an die KESB verpflichtet, wenn konkrete Hinweise auf eine Kindeswohlgefährdung bestehen und sie im Rahmen ihres Auftrags keine Abhilfe schaffen kann. Zwischen Vertrauen und Meldepflicht besteht ein Spannungsfeld. Gerade für die Einschätzung einer Gefährdungssituation und das richtige Vorgehen im Falle einer möglichen Gefährdung sind Fachwissen, geeignete Instrumente und reflektiertes Handeln unerlässlich.

«In der sozialpädagogischen Familienbegleitung hilft mir die Einschätzungshilfe, Situationen geordnet zu betrachten und wichtige Punkte nicht zu übersehen und fachlich einzuordnen. So werden meine Einschätzungen klarer und nachvollziehbarer und verbessern damit den fachlichen Austausch.»

  • Fachkursteilnehmerin Patrizia Aeberhard Sozialpädago­gische Familienbegleiterin IKuB vor Ort AG

Gefährdungen einschätzen

Will die SPF Gefährdungssituationen einschätzen, hilft Wissen über die verschiedenen Gefährdungsformen: Vernachlässigung, körperliche, psychische und sexuelle Gewalt. Typische Vernachlässigungsanzeichen sind eine unregelmässige Ernährung, eine fehlende Tagesstruktur oder eine mangelnde Aufsicht. Psychische Gewalt zeigt sich, wenn Kinder erniedrigt oder blossgestellt werden – oder bei hochstrittigen Elternkonflikten. Körperliche Gewalt umfasst Körperstrafen als Erziehungsmittel; sexuelle Gewalt beinhaltet alle Formen der sexuellen Belästigung oder der sexuellen Übergriffe.

Risiko- und Schutzfaktoren kennen

Um eine Gefährdungssituation besser einzuschätzen, sollten die Risikofaktoren bekannt sein, die eine Kindeswohlgefährdung begünstigen. Studien zeigen: Psychische Erkrankungen oder Suchtprobleme der Eltern gehören zu den grössten Risikofaktoren. Fehlt zusätzlich ein stabiles soziales Netz, steigt die Gefahr. Kenntnisse über Schutzfaktoren sind genauso wichtig: So wirkt beispielsweise ein verlässliches Umfeld oder eine enge Bezugsperson schützend. Allerdings können diese Faktoren zwar Belastungen abfedern, aber nicht alles verhindern. Entscheidend ist der Blick nach vorn: Wie entwickelt sich die Situation in den nächsten Wochen? Stabilisiert sie sich – oder droht sie zu kippen? Was sind Entwicklungsaufgaben des Kindes und der Eltern in der kommenden Phase? Diese Prognose ist Bestandteil der Einschätzung des Kindeswohls.

Zwei Jungs im Strassenverkehr

Die Ampel als Orientierung

Um sozialpädagogischen Familienbegleiter*in­nen Sicherheit zu geben und ein konkretes Werkzeug für die anspruchsvolle Einschätzung einer Gefährdungssituation zu bieten, haben wir aus bereits bestehenden Instrumenten für andere Zielgruppen eine Einschätzungshilfe mit einem Ampelsystem adaptiert. Das neue Instrument deckt die spezifischen Bedürfnisse der SPF ab und wurde erstmals 2025 im neuen Fachkurs Sozialpädagogische Familienbegleitung vermittelt. Grundsatz ist, die Einschätzung der Situation nach dem Vier-Augen-Prinzip mit Teamkolleg*in­nen oder Vorgesetzten vorzunehmen. Die Ampelfarbe gibt Hinweise auf den Schweregrad der Kindeswohlgefährdung, den Hilfebedarf und das weitere Vorgehen.

Apel zur Beurteilung des Kindeswohls

Vorgehen bei erhöhter Gefährdung

Die Ampelfarbe bestimmt den nächsten Schritt. Orange oder Rot bedeuten: Die Familien­begleiter*in muss handeln: In der Regel spricht die Fachperson zunächst offen mit den Eltern über ihre Einschätzung und ihre Sorge um das Kindeswohl. Ausnahmen bestehen zum Beispiel bei Verdacht auf sexuellen Missbrauch. Auch informiert sie zeitnah die Auftraggebenden – in der Regel im Wissen der Eltern. Dann klärt sie im Dialog mit der auftraggebenden Stelle: Sind die Eltern bereit und in der Lage, die Situation mit einer zusätzlichen Unterstützung zu verbessern? Parallel stellt sie sich die folgende Frage: Kann ich die Gefährdung im Rahmen einer intensivierten Begleitung auffangen, oder braucht es etwas anderes oder Zusätzliches (z. B. eine Ganztagesbetreuung in der Tagesschule oder eine Therapie)?

Im Fall der Familie Schneider wurde die Situation der Kinder als «Orange» eingestuft. In Absprache mit der Auftraggeberin KESB erklärten sich die Eltern bereit, die Zusammenarbeit mit Ariane Meyer zu intensivieren. Innerhalb dreier Monate gelang es ihnen, die Kinder jeden Tag pünktlich und ausgeschlafen in die Kita bzw. den Kindergarten zu bringen. Für Tim und Emily zeigte sich in dieser Zeit eine deutliche Verbesserung ihrer Situation.

 

Erste Reaktionen auf die neuen Instrumente

Die Rückmeldungen auf die Einschätzungshilfen in der ersten Durchführung des neuen Fachkurses waren durchwegs positiv. Aus diesem Grund planen wir in diesem Jahr, die Einschätzungshilfe in Form eines Leitfadens zu publizieren und damit der gesamten Fachwelt zur Verfügung zu stellen.

Literatur

Kinderschutz Schweiz (Hrsg.) (2020). Kindeswohlgefährdung erkennen und angemessen handeln. Leitfaden für Fachpersonen aus dem Sozialbereich. Bern: Kinderschutz Schweiz (2., überarbeitete Auflage). Abgerufen von www.kinderschutz.ch.

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