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Agrarpolitik Forum 2026: Wie positionieren wir uns in der neuen Weltordnung?
01.09.2026
Die globalen Spielregeln verändern sich, Handelskonflikte nehmen zu und bewährte Regeln geraten unter Druck. Am 9. Agrarpolitik Forum der BFH-HAFL zeigte sich: Für die stark vernetzte Schweiz ist Abschottung keine Lösung. Gefragt sind verlässliche Partnerschaften und anpassungsfähige Strukturen.
Internationale Agrarmärkte wirken für viele weit entfernt. Doch höhere Zölle, blockierte Handelswege, Klimaschocks oder politische Spannungen können sich rasch auf Schweizer Landwirtschaftsbetriebe und Lebensmittelunternehmen auswirken. Unter der Frage «Wie positionieren wir uns in der neuen Weltordnung?» rückte das 9. Agrarpolitik Forum der BFH-HAFL deshalb die weltweiten Verflechtungen ins Zentrum. Wie abhängig die Schweiz von funktionierenden Aussenbeziehungen ist, zeigte Thomas A. Zimmermann vom Staatssekretariat für Wirtschaft SECO. Wegen ihres kleinen Binnenmarkts, der Rohstoffarmut und ihrer Spezialisierung ist die Schweiz stark auf den Austausch mit dem Ausland angewiesen. Sie verfügt über wenig Marktmacht und muss günstige Rahmenbedingungen über Handelsabkommen sichern.
Diese Aufgabe wird zunehmend anspruchsvoller. Geopolitische Konflikte, Spannungen zwischen den USA und China sowie ein wachsender Protektionismus setzen den regelbasierten Welthandel unter Druck. Gleichzeitig wollen Staaten ihre Versorgung absichern, ohne die Vorteile offener Märkte aufzugeben. Gerade für die Schweiz bleibt deshalb ein funktionierendes internationales Handelssystem zentral.
Die EU bleibt entscheidend
Die wichtigste Partnerin der Schweiz ist die Europäische Union. 61 Prozent des Schweizer Warenhandels und 41 Prozent des Dienstleistungshandels entfallen auf die EU. Entsprechend gross ist die Bedeutung eines gesicherten Marktzugangs. Gleichzeitig wird es wichtiger, Handelsbeziehungen zu diversifizieren. Diversifizierung bedeutet allerdings nicht, möglichst viele Abkommen um jeden Preis abzuschliessen. Die Juristin Tetyana Payosova von der Europäischen Freihandelsassoziation EFTA betonte, dass neue Vereinbarungen zunehmend Schutzmechanismen enthalten. Zudem gewinnen Nachhaltigkeitsanforderungen auch im Agrarhandel an Bedeutung. Handelsabkommen sollen Märkte öffnen und gleichzeitig Risiken begrenzen.
Für Abwechslung zwischen den Input-Referaten sorgten Videobeiträge von HAFL-Studierenden. Mit viel Kreativität zeigten sie, wie sich die Schweiz aus ihrer Sicht in der Weltordnung einordnen könnte.
Zwischen offensiven und defensiven Interessen
Im Agrarbereich ist dieser Balanceakt besonders anspruchsvoll. Die Schweiz weist einen Selbstversorgungsgrad von 52 Prozent auf und ist damit weiterhin auf Importe angewiesen. Gleichzeitig schützt sie ihre Landwirtschaft mit einem differenzierten Zollsystem. Bei Verhandlungen treffen offensive Interessen wie bessere Exportchancen für Käse, Milchprodukte oder verarbeitete Lebensmittel auf defensive Anliegen. Dazu gehören der Schutz sensibler Produkte, Zollkontingente sowie geografische Herkunftsbezeichnungen.
Jean-Marc Chappuis, Vize-Direktor des Bundesamtes für Landwirtschaft (BLW) machte deutlich, dass mit jedem zusätzlichen Abkommen die Komplexität zunimmt. Handelsabkommen sollen Marktzugang schaffen, gleichzeitig aber Landwirtschaft und Verarbeitung schützen, Nachhaltigkeitsziele berücksichtigen und Antworten auf Klimawandel sowie Versorgungskrisen liefern. Die Wettbewerbs- und Anpassungsfähigkeit der Schweizer Landwirtschaft bleibt deshalb eine Daueraufgabe. Wie anspruchsvoll diese Abwägungen sind, zeigt sich auch beim Schutz von Ursprungsbezeichnungen wie Gruyère oder Emmentaler, deren internationale Anerkennung zunehmend umkämpft ist.
Nischen brauchen Zugang zu grossen Märkten
Welche Bedeutung die internationalen Rahmenbedingungen für die Praxis haben, zeigte das Podiumsgespräch mit Daniel Weilenmann, Fachleiter Milchmarkt und Agrarpolitik bei Emmi, und Daniel Imhof, Leiter Landwirtschaft bei Nestlé Schweiz. Für Schweizer Milchprodukte bleiben die EU und die USA zentrale Absatzmärkte, auch wenn beide zuletzt unsicherer geworden sind. Chancen bestehen insbesondere bei Spezialitäten und Produkten mit hoher Wertschöpfung. Käse, Babynahrung oder Kaffee können sich in Nischen behaupten. Voraussetzung dafür sind stabile Handelsbeziehungen und wettbewerbsfähige Rahmenbedingungen.
Die Podiumsteilnehmer betonten zudem, dass bestehende Freihandelsabkommen laufend modernisiert werden müssen. Eine stärkere Abschottung mag kurzfristig Schutz versprechen, könnte die Exportfähigkeit jedoch schwächen. Gerade für kleine, spezialisierte Branchen bleibt die internationale Vernetzung entscheidend.
Das Agrarpolitik Forum 2026 im Überblick
Was wollen wir künftig erhalten?
Zum Abschluss stellte Oskar Jönsson von foraus, dem Schweizer Think Tank zur Aussenpolitik, eine grundsätzliche Frage: Soll die Agrarpolitik vor allem bestehende Strukturen schützen oder Voraussetzungen für künftige schaffen? Die Schweiz möchte ihre Produktion vor Importdruck schützen, ist in Krisensituationen aber gleichzeitig auf Einfuhren angewiesen. Wer verlässliche Handelspartner fordert, muss deshalb auch selbst verlässlich sein.
Versorgungssicherheit, Wirtschaftlichkeit, Nachhaltigkeit und Klimaschutz lassen sich nicht immer gleichzeitig maximieren. Umso wichtiger ist es, offen darüber zu diskutieren, welche Produktion unter veränderten Rahmenbedingungen langfristig sinnvoll bleibt. Gefragt sind nicht nur Schutzmassnahmen, sondern auch die Bereitschaft, Veränderungen aktiv zu gestalten.
Beispiele aus dem Ausland
Der Freitag richtete den Blick ins Ausland. Adriana Garcia Vargas von der OECD ordnete die Schweizer Land- und Ernährungswirtschaft in den internationalen Kontext ein. Martin Lavoie, Präsident und CEO der Groupe Export Agroalimentaire in Québec, zeigte auf, mit welchen Strategien Kanada die Wettbewerbsfähigkeit seines Agrar- und Ernährungssektors stärkt. Jeffrey H. Dorfman von der North Carolina State University beleuchteten am Beispiel des US-Bundesstaates North Carolina, wie geopolitische Machtspiele zunehmend auch die Landwirtschaft und Ernährungswirtschaft prägen.
In den anschliessenden Workshops diskutierten die Teilnehmenden, wie sich die Schweizer Land- und Ernährungswirtschaft in diesem herausfordernden Umfeld positionieren kann. Im Zentrum standen die künftigen politisch-wirtschaftlichen Rahmenbedingungen sowie die Frage, wie sich die Nachhaltigkeit des Schweizer Ernährungssystems und entlang internationaler Wertschöpfungsketten weiter stärken lässt.
Es zeigte sich auch am Freitag, dass es eine einfache Antwort auf die Leitfrage des Forums nicht gibt. Doch kann die Schweiz ihre Position weder durch vollständige Marktöffnung noch durch Abschottung sichern. Sie braucht internationale Regeln, verlässliche Partnerschaften und Schutzmechanismen für sensible Bereiche. Vor allem aber muss sie anpassungsfähig bleiben. Gerade diese Fähigkeit könnte in einer zunehmend unsicheren Welt zum wichtigsten Standortvorteil werden.
BFH-HAFL, Inforama und Alumni BFH-HAFL
Das Schweizer Agrarpolitik Forum wird seit 2018 von der BFH-HAFL, dem Inforama und den BFH-HAFL-Alumni ausgerichtet. Die Diskussionsplattform für einen konstruktiven Dialog zur Weiterentwicklung der Agrarpolitik sorgt für Generationenübergreifenden Austausch und fördert das pragmatische Vorgehen.
Übrigens: Die 10. Jubiläumsausgabe des Schweizer Agrarpolitik Forums findet am 2. und 3. September 2027 statt. Jetzt den Termin reservieren!
Weitere Informationen: www.agrarpolitikforum.ch