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Wenn Medikamente schaden: Schweiz erarbeitet nationalen Aktionsplan zur Medikationssicherheit

04.02.2026 Falsche Dosierungen, unklare Verordnungen, Informationsverluste beim Spitalaustritt: Medikationsfehler zählen zu den häufigsten vermeidbaren Risiken im Gesundheitswesen. Sie betreffen alle Versorgungsbereiche und nehmen mit der Alterung der Gesellschaft weiter zu. Ein neues nationales Projekt will diese Sicherheitslücken nun systematisch schliessen.

Das Wichtigste in Kürze

  • Medikationsfehler gehören zu den häufigsten vermeidbaren Risiken im Gesundheitswesen und nehmen durch Alterung, Multimorbidität und Polymedikation weiter zu.

  • Im Auftrag der Eidgenössischen Qualitätskommission (EQK) erarbeitet ein interprofessionelles Konsortium einen nationalen Aktionsplan zur Medikationssicherheit.

  • Ziel ist es, die grössten medikationsbezogenen Risiken systematisch zu identifizieren und gemeinsam mit Fachpersonen und Patient*innen konkrete Massnahmen zu entwickeln.

viele Medikamente
Viele Patient*innen sind heute auf komplexe medikamentöse Therapien angewiesen, die sowohl bei der Fachperson als auch bei den Betroffenen selbst eine hohe Koordinations- und Kommunikationsleistung erfordern.

Medikamente sollen heilen, lindern und Leben retten. Doch sie bergen auch Risiken, insbesondere dann, wenn im komplexen Medikationsprozess Fehler passieren. Diese können an vielen Stellen entstehen: bei der Verschreibung, in der Logistik, beim Richten und Kontrollieren, bei der Abgabe, der Anwendung, der Dokumentation oder im Monitoring. Schon kleine Unklarheiten können schwerwiegende Folgen haben. Ein Bericht der Weltgesundheitsorganisation (WHO) aus dem Jahr 2024 kommt zum Schluss, dass jede fünfte Patientin bzw. jeder fünfte Patient einen vermeidbaren Schaden im Zusammenhang mit Medikamenten erleidet. Betroffen sind alle Versorgungssettings, von der ambulanten Praxis über das Spital bis zur Langzeitpflege. 

Gerade bei älteren Patient*innen entscheidet eine verständliche und kontinuierliche Kommunikation darüber, ob Medikamente korrekt eingenommen werden.

  • Dr. Caroline Gurtner-Zürcher Dozentin, BFH

Demografischer Wandel verschärft die Situation

Die gesellschaftliche Entwicklung verschärft diese Risiken zusätzlich. Mit der alternden Bevölkerung nehmen Multimorbidität, Polymedikation, Gebrechlichkeit und kognitive Einschränkungen zu. Viele Patient*innen sind heute auf komplexe medikamentöse Therapien angewiesen, die sowohl bei der Fachperson als auch bei den Betroffenen selbst eine hohe Koordinations- und Kommunikationsleistung erfordern. «Gerade bei älteren Patient*innen entscheidet eine verständliche und kontinuierliche Kommunikation darüber, ob Medikamente korrekt eingenommen werden», erklärt Caroline Gurtner-Zürcher, Dozentin an der BFH.

In der Schweiz ist die Datenlage noch begrenzt, es zeichnen sich aber auch hier alarmierende Zahlen ab. Studien zeigen, dass 8 bis 15 Prozent der stationären Patient*innen von einem unerwünschten Arzneimittelereignis betroffen sind. Zudem lassen sich 4 bis 7 Prozent aller Spitaleintritte auf medikationsbezogene Probleme zurückführen. Besonders heikel sind Übergänge, etwa beim Eintritt ins Spital, beim interprofessionellen Wechsel oder beim Austritt nach Hause oder in eine Pflegeeinrichtung. 
 

Nationaler Auftrag zur Verbesserung der Medikationssicherheit

Vor diesem Hintergrund hat die Eidgenössische Qualitätskommissionen (EQK) den Auftrag zur Erarbeitung eines Nationalen Aktionsplans Medikationssicherheit an ein interprofessionelles Konsortium vergeben (siehe Box). Das Projekt ist im September 2025 gestartet und läuft bis August 2027. Ziel ist es, die Sicherheit der Patient*innen in der Schweiz nachhaltig zu stärken, indem medikationsbezogene Risiken literaturgestützt identifiziert und mit Expert*innen einschliesslich Patient*innen priorisiert werden. «Wir wollen verstehen, wo im System die grössten Risiken liegen und darauf aufbauend einen konkreten Massnahmenplan für das Schweizer Gesundheitssystem entwickeln», erklärt Silvia Thomann, Co-Leiterin des Innovationsfeldes Qualität im Gesundheitswesen an der BFH. Auf internationaler Ebene benennt die WHO unter anderem die Medikationsverordnung und die Versorgung älterer Patient*innen als sogenannte Sicherheitshotspots, Bereiche in denen das Risiko für Fehler besonders hoch ist. Für die Schweiz will das Konsortium diese Hot Spots gezielt und differenziert bestimmen. «Globale Erkenntnisse sind wichtig – sie lassen sich aber nicht eins zu eins auf die Schweiz übertragen», so Thomann. 
 

Infobox: Wer erarbeitet den Aktionsplan?

Interprofessionelles Konsortium mit klaren Rollen

Getragen wird das Projekt «Aktionsplan Medikationssicherheit» von einem interprofessionellen Konsortium. Es besteht aus Prof. Dr. Carla Meyer-Massetti vom Berner Institut für Hausarztmedizin (BIHAM) der Universität Bern, Dr. Monika Lutters vom Kantonsspital Aarau sowie Dr. Silvia Thomann und Dr. Caroline Gurtner der BFH im Co-Lead.

Während die Universität Bern und das Kantonsspital Aarau vor allem die Fachexpertise sowie das entsprechende Netzwerk mit Bezug zur Thematik der Medikationssicherheit mitbringen, ergänzt die BFH das Konsortium mit ihrer breiten Erfahrung in der Umsetzung nationaler Projekte sowie im Projektmanagement komplexer Multi-Stakeholder-Projekte. 
Das Konsortium wird unterstützt von mehreren Partnerorganisationen wie der Scuola universitaria professionale della Svizzera italiana (SUPSI), der Haute école spécialisée de la Suisse occidentale (HES-SO) sowie dem Beratungsinstitut ECOPLAN. 

Den Lead übernimmt das Team der BFH bei den Arbeitspaketen 3 und 4, wo es in Arbeitspaket 3 um die Umfrage zur Festlegung der fünf bis sechs prioritären Settings- und Handlungsfelder-Kombinationen geht sowie nachfolgend in Arbeitspaket 4, um die Entwicklung von umsetzbaren Massnahmenpaketen für die identifizierten und priorisierten Settings- und Handlungsfelder-Kombinationen. Bei diesem Arbeitspaket erfolgt ein umfangreicher Einbezug von Stakeholdern.

Die Risiken bei der Einnahme von Medikamenten betreffen nicht einzelne Berufsgruppen, sondern das gesamte Versorgungssystem.

  • Dr. Silvia Thomann Co-Leiterin Innovationsfeld Qualität im Gesundheitswesen

Erste Erkenntnisse: Was besonders risikobehaftet ist

Eine zentrale Grundlage für das weitere Vorgehen liefert das erste Arbeitspaket (AP1) des Projekts: eine umfassende Literaturübersicht, die internationale Studien und bestehende Aktionspläne systematisch ausgewertet hat und nun in einem zweiten Schritt ihre Relevanz für die Schweiz geprüft wird. «Die Analyse zeigt, dass sich bestimmte übergeordnete Risikofaktoren konsistent über alle Versorgungssettings hinweg finden», erklärt Caroline Gurtner. Dazu zählen sogenannte Human Factors wie Ermüdung, Zeitdruck oder Kommunikationsfehler, ebenso wie Polymedikation, Fehler bei der Verschreibung und Verabreichung, Schnittstellenprobleme sowie die unvollständige oder abweichende Einnahme verschriebener Medikamente. «Diese Risiken betreffen nicht einzelne Berufsgruppen, sondern das gesamte Versorgungssystem», erklärt Silvia Thomann. «Genau deshalb braucht es einen nationalen, koordinierten Ansatz.»

In den kommenden Projektphasen setzt das Konsortium stark auf Partizipation. Über ein zweistufiges Delphi-Verfahren, nationale Umfragen, Workshops und ein Advisory Board werden Fachpersonen aus unterschiedlichen Disziplinen, Vertreter*innen aller Sprachregionen sowie Patient*innen- und Angehörigenvertretende systematisch eingebunden. Am Ende des Projekts soll ein mehrjähriger Aktionsplan mit Roadmap stehen, der nicht nur fachlich fundiert, sondern auch politisch und praktisch anschlussfähig ist. Die enge Einbindung der EQK als Auftraggeberin sowie relevanter Entscheidungsträger*innen soll sicherstellen, dass der Aktionsplan über das Projekt hinaus Wirkung entfaltet und konkrete Verbesserungen im Versorgungsalltag ermöglicht.

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