Solarstrom: missverstanden und kaputtgefördert?

02.09.2026 Photovoltaikanlagen werden zuerst gefördert, dann im Energiegesetz für obligatorisch erklärt, und ab 2027 soll man dafür bezahlen, Strom ins Netz einspeisen zu dürfen. Es überrascht nicht, dass Zweifel an der Energiestrategie aufkommen.

Das Wichtigste in Kürze

  • In diesem Meinungsbeitrag zeigt Prof. Dr. Christof Bucher, Leiter des Labors für Photovoltaiksysteme, auf, welche Lösungen er für die Energiewende mit viel Solarstrom sieht.
  • Der Artikel erschien zuerst in der Neuen Zürcher Zeitung vom 2. September 2026.

     

Photovoltaikanlagen sind nicht nur über das ganze Jahr betrachtet, sondern auch im Winterhalbjahr die am schnellsten wachsende Stromquelle der Schweiz. Allein die im Jahr 2024 auf Hausdächern neu installierten Anlagen produzieren jährlich rund 400 GWh Winterstrom. Das entspricht ungefähr jener Energiemenge, die von der unabhängigen Elektrizitätskommission des Bundes (Elcom) im Durchschnitt als Wasserkraftreserve für den Winter definiert wurde. Unabhängig davon, ob ein Winter von Dunkelflauten oder lang anhaltenden Schneefallperioden geprägt ist, können diese Anlagen aus Sicht der Versorgungssicherheit dazu beitragen, dass den Stauseen im Frühjahr rund 400 GWh zusätzliche Energiereserve zur Verfügung stehen. Dass dies in der Realität auch anders ausfallen kann, liegt am Energiehandel. Dennoch bleibt die Sonne in der Jahresbilanz unsere verlässlichste Energiequelle überhaupt.

Labor für Photovoltaiksysteme

Die Beurteilung des Langzeitverhaltens von PV-Anlagen bezüglich Sicherheit, Zuverlässigkeit und Energieertrag gehören zu den Kernkompetenzen der rund 12 Spezialist*innen des PV-Labors. Seit 1988 werden am PV-Labor der Berner Fachhochschule in Burgdorf Photovoltaiksysteme untersucht. Ein besonderes Augenmerk gilt dabei den Wechselrichtern, deren Verhalten am Stromnetz im PV-Labor untersucht wird.

Labor für Photovoltaiksysteme

Denkfehler hüben und drüben

Solarstrom hat somit das Potenzial, auch im Winter einen wesentlichen Beitrag zur Schweizer Stromversorgung zu leisten. Mit einem Anteil von inzwischen über 15 Prozent am Jahresstrombedarf hat sich die Photovoltaik innerhalb weniger Jahre nach Wasser- und Kernkraft auf Platz drei der wichtigsten Stromquellen vorgearbeitet. Die installierte Leistung der Photovoltaik ist mittlerweile etwa dreimal so gross wie jene aller Schweizer Kernkraftwerke zusammen. Die meisten der rund 400’000 Anlagen speisen ihren Strom ohne Leistungskontrolle ins Netz ein. Während einiger Stunden übersteigt die momentane Solarstromproduktion deshalb bereits heute die gesamte Stromnachfrage der Schweiz. Das sind keine guten Voraussetzungen für die Vervierfachung der Photovoltaikleistung, wie sie die Energiestrategie vorsieht. Solarstrom ist nicht mehr der unantastbare Hoffnungsträger von einst, der Einspeisevorrang geniessen und von sämtlichen Anforderungen an die Netz- und Systemstabilität ausgenommen bleiben kann. Von verschiedenen grösseren Verteilnetzbetreibern sowie vom Verband Schweizerischer Elektrizitätsunternehmen ist zu hören, dass die Photovoltaik auf den Dächern den Netzausbau massgeblich antreibe. Sie verweisen auf hohe Investitionen, die notwendig wären, um die in der Energiestrategie vorgesehene Solarstrommenge ins Netz integrieren zu können.

Dabei begehen sie denselben Denkfehler wie die kompromisslosen Unterstützer der Photovoltaik, die hohe Einspeisetarife fordern und in jeder Netzintegrationsmassnahme einen Angriff auf die erneuerbaren Energien wittern. Beide Seiten übersehen, dass die Photovoltaik inzwischen einen Reifegrad erreicht hat, bei dem eine Zukunft ohne Anpassung der Spielregeln unweigerlich zu Systemproblemen führen würde. Ob die Verteilnetze dafür ausgebaut werden oder nicht, spielt aus Sicht des Gesamtsystems nur eine untergeordnete Rolle. Ein Blick auf die elektrischen Leistungen verdeutlicht die Dimension der Herausforderung: Die heute installierten 10 GW Photovoltaikleistung sollen mittelfristig auf über 40 GW anwachsen. Und das in einem Stromsystem, dessen maximale Nachfrage kaum über 10 GW liegt. Mit rund 3,5 GW Pumpleistung ändern die Pumpspeicherkraftwerke das Bild nur marginal. Auch der Export dieser Überschüsse ins Ausland ist keine realistische Lösung, denn die Sonne scheint in unseren Nachbarländern zur gleichen Zeit wie bei uns, und auch dort setzt man zunehmend auf Photovoltaik.

Steuerung am Einspeisepunkt

Der einzige vernünftige Umgang mit den künftigen Solarstromleistungen ist ihre Steuerung am Einspeisepunkt. Es geht nicht darum, den Eigentümern vorzuschreiben, wie sie ihren Solarstrom verwenden, sondern darum, auf unnötige Infrastruktur für selten benötigte Leistungsspitzen zu verzichten. In gewissen Kreisen löst diese Erkenntnis eine andere Reaktion aus: Wir hätten bereits genügend Photovoltaik und könnten das Problem einfach mit einem Ausbaustopp lösen. Das stimmt insofern, als mit dem Absetzen eines Medikaments auch dessen Nebenwirkungen verschwinden. Aber verzichten wir deshalb auf die Behandlung? Photovoltaik ist und bleibt das beste Pferd, das wir für die nächsten Jahrzehnte der Energiewende im Stall haben. Solarstrom ist beherrschbar, wenn er korrekt ins System integriert wird. Das zeigt auch das kürzlich veröffentlichte White Paper von Swissgrid. Wir brauchen deshalb sowohl Rahmenbedingungen, die den weiteren Ausbau von Photovoltaikanlagen fördern, als auch Massnahmen, welche die unkontrollierte Netzeinspeisung begrenzen. Die Weitergabe von Marktpreissignalen an die Anlagenbetreiber, wie sie ab 2027 vorgesehen ist, ist ein wichtiger Schritt in diese Richtung.

Damit löst sich auch den eingangs erwähnten Widerspruch auf: Mehr Anlagen bauen, aber nicht zu jedem Zeitpunkt einspeisen dürfen gehört zur Realität eines funktionierenden Stromsystems mit einem hohen Anteil Solarstrom. Es ist Aufgabe von Politik, Behörden und Verbänden, sicherzustellen, dass weiterhin entsprechend dem Volksauftrag Photovoltaikanlagen gebaut werden und diese gleichzeitig unser Stromsystem stützen statt destabilisieren. Es geht darum, auf unnötige Infrastruktur für selten benötigte Leistungsspitzen zu verzichten

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