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«Wir müssen das Silodenken überwinden»
10.09.2026 Mehr komplexe Versorgung zu Hause, fliessende Grenzen zwischen ambulant und stationär und eine Spitex, die zunehmend koordiniert: Cornelis Kooijman, Co-Geschäftsführer von Spitex Schweiz, skizziert, wie sich seine Organisation die Versorgung im Jahr 2040 vorstellt.
Das Wichtigste in Kürze
- Die Spitex wird neben Pflege und Betreuung künftig noch stärker eine koordinierende Rolle in der integrierten Versorgung einnehmen.
- Die Grenzen zwischen ambulant und stationär werden fliessend, entscheidend bleibt das passende Setting für die Patient*innen.
- Silodenken, Fachkräftemangel, finanzielle Fehlanreize und unzureichende digitale Vernetzung bremsen die Entwicklung heute noch
Herr Kooijman, wie sieht die Spitex im Jahr 2040 aus?
In Zukunft werden wir hoffentlich noch stärker in einer integrierten Versorgung arbeiten, an der viele unterschiedliche Akteure beteiligt sind. Die Spitex wird dabei weiterhin professionelle Pflege- und Betreuungsleistungen erbringen. Ich sehe sie aber vermehrt auch in einer koordinierenden Rolle.
Denn die Spitex-Mitarbeitenden sind besonders nah an den Menschen in ihrem Zuhause, sie kennen ihren Alltag und wissen um ihre Bedürfnisse. Dadurch können sie wertvolles Wissen in die Versorgung einbringen, Informationen zusammenführen und dafür sorgen, dass die richtigen Fachpersonen zum richtigen Zeitpunkt mit einbezogen werden.
Mehr Versorgung zu Hause kann auch mehr Arbeit für Angehörige bedeuten. Wie lässt sich verhindern, dass professionelle Care-Arbeit einfach auf sie verlagert wird?
Angehörige sind eine enorm wichtige Ressource für uns und das gesamte Gesundheitswesen. Viele Menschen können nur deshalb zu Hause leben, weil Angehörige sie unterstützen.
Entscheidend ist, dass wir sie damit nicht alleinlassen. Wenn Angehörige Pflegeleistungen übernehmen, müssen sie professionell eingebunden werden: in die Pflegeplanung, mit klaren Rollen, der nötigen Qualifikation und einer guten Begleitung durch die Spitex-Organisation. Wir müssen auch erkennen, wenn jemand überlastet ist. Und wenn Angehörige Pflege-Leistungen erbringen, gehört eine angemessene Entlöhnung dazu. Ihr Einbezug muss Teil einer professionell organisierten Versorgung sein. Es braucht zwingend klare und einheitliche Regeln für die Begleitung und Anstellung von pflegenden Angehörigen.
In den letzten Jahren beobachten wir nicht nur einen Shift von stationär zu ambulant, sondern auch eine zunehmende Vermischung zwischen den beiden Bereichen. Wird die Grenze zwischen ambulant und stationär verschwinden?
Die verschiedenen Settings wird es weiterhin geben, aber ihre Grenzen dürften fliessender werden. Die Spitex verfügt über die Expertise, Menschen in ihrem eigenen Zuhause zu pflegen und zu betreuen. Alters- und Pflegeheime bieten dagegen eine spezialisierte Infrastruktur, Räumlichkeiten und eine kontinuierliche Betreuung.
Nicht alles, was zu Hause möglich ist, muss zwingend auch dort stattfinden. Entscheidend ist, welches Setting den Bedürfnissen der einzelnen Patient*innen am besten entspricht und wie die Unterstützung und Pflege bestmöglich sichergestellt werden kann. Auch künftig wird es Eingriffe und Behandlungen geben, die die Infrastruktur und die personellen Ressourcen eines Spitals erfordern.
Es geht also nicht darum, dass alle Leistungserbringer*innen dieselben Aufgaben übernehmen, sondern dass sie ihre Stärken einbringen und koordiniert zusammenarbeiten. Dazu gehören neben Spitex-Organisationen und Heimen beispielsweise auch Spitäler, Hausärzt*innen, Apotheken und Therapeut*innen. Wenn sie alle ihr Wissen und ihre Fachexpertise zusammenbringen und sich am Bedarf der Patient*innen orientieren, ist das für mich gelebte integrierte Versorgung.
Zur Person: Cornelis Kooijman
Cornelis Kooijman ist seit 2015 bei Spitex Schweiz in leitender Funktion und seit 2022 Co-Geschäftsführer. Zuvor war er unter anderem bei der Lungenliga Schweiz und als Berater tätig. Er studierte Umweltnaturwissenschaften an der ETH Zürich und ergänzte seine Ausbildung später mit einem Executive MBA in Public Management an der Berner Fachhochschule. Er lebt mit seiner Familie in Bern.
Was bedeutet diese Entwicklung für das Berufsbild der Spitex-Mitarbeitenden?
Die professionelle Pflege- und Betreuungsexpertise bleibt zentral. Gleichzeitig gewinnt die interprofessionelle Zusammenarbeit an Bedeutung. Mitarbeitende müssen ihre eigene Expertise kennen, aber auch einschätzen können, wann anderes Fachwissen nötig ist, und wer mit einbezogen werden muss.
Dazu kommt der kompetente Umgang mit digitalen Hilfsmitteln. Sie werden die persönliche Pflege nicht ersetzen, können Fachpersonen aber unterstützen: etwa beim Austausch von Informationen, beim Monitoring oder durch Notfallsysteme. Digitale Kompetenzen und die Fähigkeit, sich entlang des gesamten Patientenpfads mit anderen Professionen abzustimmen, werden deshalb noch wichtiger.
Was steht dieser Zukunft heute am stärksten im Weg?
Wir sprechen viel von integrierter Versorgung, arbeiten aber noch häufig in Silos. Jede Profession hat ihre eigenen Abläufe, Systeme und Finanzierungslogiken. Sobald mehrere Akteure zusammenarbeiten, wird es kompliziert: Wer koordiniert? Wie ist eine Leistung finanziert? Können die notwendigen Informationen ausgetauscht werden?
Hinzu kommen heute noch bestehende finanzielle Fehlanreize und eine noch ungenügende digitale Vernetzung. Und der Fachkräftemangel ist eine grosse Herausforderung. Wir können die besten Prozesse entwickeln – wenn uns die Menschen fehlen, die diese Leistungen erbringen, haben wir ein fundamentales Problem. Deshalb müssen wir Gesundheitsberufe attraktiv gestalten, Fachpersonen im Beruf halten und administrative Belastungen reduzieren.
Bereits in Ausbildung und Studium sollte vermittelt werden, wie die verschiedenen Akteure zusammenspielen, Interprofessionalität gelebt wird und dass man selbst Teil eines grösseren Versorgungssystems ist.
Wenn Sie einen einzigen Hebel betätigen könnten: Wo würden Sie ansetzen?
Beim Silodenken. Natürlich brauchen wir geeignete finanzielle, regulatorische und digitale Rahmenbedingungen. Mit der einheitlichen Finanzierung der Leistungen ist das auch angedacht. Die Grundlage für eine integrierte Versorgung entsteht aber in den Köpfen der Beteiligten. Dafür müssen wir das Silodenken überwinden.
Die Bildung spielt dabei für mich eine wichtige Rolle. Bereits in Ausbildung und Studium sollte vermittelt werden, wie die verschiedenen Akteure zusammenspielen und dass man selbst Teil eines grösseren Versorgungssystems ist. Wenn wir integrierte Versorgung wirklich leben wollen, muss dieses Verständnis früh gefördert werden.
Ambulante Versorgung
Ambulante Versorgung verändert das Gesundheitswesen. Immer mehr Leistungen werden dort erbracht, wo Patient*innen leben und ihren Alltag verbringen. Das eröffnet Möglichkeiten, stellt Fachpersonen und Institutionen aber auch vor Herausforderungen. In unserer Serie zeigen wir, wie sich die ambulante Versorgung entwickelt und was es braucht, damit sie wirksam, koordiniert und nachhaltig ist. Wir geben zudem Einblick in Modelle, welche die BFH gemeinsam mit Praxispartnerschaften und mit Hilfe des Swiss Center for Care@home (SCC) pilotiert, implementiert und evaluiert.