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«Essen hat immer auch mit Emotionen zu tun»
05.03.2026 Der Fachkurs «Ernährungspsychologisch beraten und begleiten» eröffnet neue Perspektiven auf das Essverhalten. Eine Absolventin erzählt, wie sie das Gelernte in der Praxis nutzt und warum psychologisches Verständnis für eine erfolgreiche Ernährungsberatung wichtig ist.
Das Wichtigste in Kürze
- Ernährungswissen ist heute leicht zugänglich, doch für Veränderungen sind oft emotionale, soziale und biografische Faktoren entscheidend.
- Ernährungspsychologische Beratung hilft, Essverhalten ganzheitlich zu verstehen und langfristige Veränderungen zu ermöglichen.
- Modelle wie die «Fünf Ebenen der beraterischen Intervention» unterstützen Fachpersonen dabei, Beratung über reine Wissensvermittlung hinaus zu gestalten.
Warum ist das Thema Ernährungspsychologie heute wichtiger denn je – in einer Zeit, in der Medien, Ernährungstrends und der Druck zur Selbstoptimierung so präsent sind?
Anja Zürcher: Gerade weil Wissen über Ernährung heute leicht zugänglich ist, hat der Perfektions- und Selbstoptimierungsdruck zugenommen. Doch um das Gelernte langfristig in unserem Alltag umzusetzen, ist oft mehr als Wissen nötig. Essen erfüllt weit mehr als den Zweck der Nahrungsaufnahme. Es erfüllt viele Bedürfnisse und wird mit zahlreichen Emotionen verbunden. Genau hier setzt die Ernährungspsychologie an.
Essen erfüllt weit mehr als den Zweck der Nahrungsaufnahme.
Zur Person
Anja Zürcher ist diplomierte Ernährungsberaterin (HF 2006, nachträglicher FH-Titelerwerb 2014). Nach ersten Berufsjahren am Kantonsspital Bruderholz arbeitet sie seit 2009 am Kantonsspital Winterthur am Zentrum für Ernährungsmedizin und -therapie.
Was hat Sie persönlich dazu bewogen, den Fachkurs zu absolvieren?
In meinem Berufsalltag arbeite ich viel mit Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Ich beobachte häufig, dass sie nicht gelernt haben, ihre Gefühle wahrzunehmen und auszudrücken. Sie haben unterschiedliche Strategien entwickelt, um in einer vermeintlich perfekten Welt keine starken Emotionen zeigen zu müssen, was sich oft auch im Essverhalten widerspiegelt. Durch den Fachkurs erhoffte ich mir, mehr Fachwissen und Mut zu erlangen, um in der Ernährungsberatung nicht nur über Essen zu sprechen, sondern um mit meinen Klient*innen gezielt Gefühle im Zusammenhang mit Essen zu erforschen und einen gesunden Umgang damit zu finden.
In der Ernährungsberatung geht es darum zu verstehen, welchen Einfluss Prägungen, Bedürfnisse und Gewohnheiten auf das Essverhalten haben. Erst dann sind langfristige Änderungen möglich.
Welche Methode aus dem Fachkurs war für Sie besonders wirksam?
Besonders hilfreich finde ich die «Fünf Ebenen der beraterischen Intervention» von Ninetta Scura und Andrea Thutewohl. Das Modell verdeutlicht, dass die Aneignung von Wissen und Kompetenzen zwar wichtig ist, in der Ernährungsberatung jedoch oft nur einen kleinen Teil ausmacht. Vielmehr sollte es in der Ernährungsberatung darum gehen, zu verstehen, welchen Einfluss Prägungen, Bedürfnisse oder Gewohnheiten auf das eigene Essverhalten haben. Erst dann ist es möglich, langfristige Änderungen anzustreben.
Ein Beispiel aus meiner Praxis: Eine Jugendliche erkannte beim Explorieren ihrer Gefühle, dass sie auf negative Emotionen wie Stress mit Essanfällen reagiert. Wenn sie in der Schule Druck erlebt, beispielsweise weil sie viele Prüfungen hat, kompensiert sie dies mit Essen. Zwar wusste sie bereits, dass sie Essanfälle hatte, und versuchte, diese durch eine gesündere Lebensmittelauswahl oder die Verknappung von Süssigkeiten zu verhindern. Erst nachdem sie ihre Emotionen erkannt hatte, konnte sie sich neue, gesündere und langfristige Strategien zum Umgang mit Emotionen aneignen, wodurch sich die Essanfälle reduzierten.