- Story
«In einer fremden Sprache studieren ist schwer»
21.10.2026 Menschen mit Fluchterfahrung begegnen auf ihrem Studienweg vielen Hürden. Alaa aus Syrien hat im Sommer 2026 ihren Bachelor in International Business Administration abgeschlossen und teilt ihre Erfahrungen.
Wie bist du dazu gekommen, in der Schweiz zu studieren?
Ich bin im Januar 2014 aus Syrien in die Schweiz geflüchtet und habe hier angefangen, Deutsch zu lernen. Das war sehr schwierig. Meine Sprachkenntnisse haben sich aber nach und nach verbessert.
Eine Freundin erzählte mir dann von der BFH und erklärte mir, dass ich mich bewerben könnte, wenn ich die Zulassungsvoraussetzungen erfülle. Das habe ich glücklicherweise, und so wurde ich 2017 zum Studium zugelassen. Allerdings war mir das Schweizer Bildungssystem fremd, ich hatte Schwierigkeiten, mich in die Studentengemeinschaft zu integrieren, und kämpfte zudem mit Depressionen und einer schwierigen persönlichen Situation. So konnte ich mein Potenzial nicht voll ausschöpfen und beschloss, das Studium nach zwei Semestern abzubrechen.
Ich war eng im Austausch mit Claudia Vogel, Studiengangsleiterin International Business Administration, und sprach mit ihr über meine Situation. Sie glaubte an meine Fähigkeiten und versicherte mir immer wieder, dass ich es schaffen könne und dass sie hoffe, ich würde zurückkehren. Ihre ermutigenden Worte blieben hängen.
Nach Studiumsabbruch absolvierte ich ein sechsmonatiges Praktikum als Kosmetikerin und erhielt einen unbefristeten Arbeitsvertrag. Ich war dankbar für diese Chance, merkte aber, dass sie nicht meiner beruflichen Zukunft entsprach. Mir wurde aber auch bewusst, dass ich ohne Schweizer Diplom kaum Karrieremöglichkeiten hätte. Deshalb habe ich mich entschlossen, an die BFH zurückzukehren und mit mehr Reife, Entschlossenheit und Motivation von vorne anzufangen. Die Worte von Claudia Vogel, aber auch meiner Mutter, die mich immer ermutigt hat, zu studieren, haben mich in meiner Entscheidung bestärkt. Und nun habe ich seit kurzem meinen Bachelor in International Business Administration mit Schwerpunkt Global Management abgeschlossen. Das bedeutet mir sehr viel und hat mir gezeigt, dass ein unterbrochener Weg nicht unbedingt ein Misserfolg sein muss.
Über Alaa Zaza
Herkunft
Damaskus, Syrien
Alter
36-jährig
In der Schweiz seit
2014
Studium
International Business Administration (am Departement Wirtschaft)
Ausbildung im Heimatland
Maturitäts-Abschluss und begonnenes Geografie-Studium an der Universität von Damaskus.
Familiäre Situation
Lebt nach ihrer Flucht aus Syrien mit ihrer Mutter zusammen. Eine Schwester ist ebenfalls in der Schweiz.
Konntest du deinen Schulabschluss aus deinem Heimatland in der Schweiz für ein Hochschulstudium nutzen?
Ja. Die BFH hat mein syrisches Maturitätszeugnis anerkannt, da meine Abschlussnote über dem geforderten Niveau lag.
Wie geht es nach dem Bachelor weiter für dich?
Aktuell suche ich eine Stelle in einem internationalen Unternehmen, vorzugsweise in den Bereichen Finanzen, internationale Geschäfte oder Import und Export. Während meines Studiums habe ich ausserdem Berufserfahrung in der Kreditorenbuchhaltung gesammelt, was mein Interesse am Finanzwesen noch verstärkt hat. Langfristig strebe ich eine berufliche Laufbahn an, die Finanzwissen, internationale Wirtschaft sowie Kommunikation und Zusammenarbeit über Länder- und Kulturgrenzen hinweg verbindet. Ein weiterführendes Studium kann ich mir ebenfalls gut vorstellen. Die Stellensuche ist für mich ohne relevante Berufserfahrung und als Nicht-Schweizerin allerdings nicht so einfach.
Wurdest du durch die BFH gut begleitet in deinem Studium?
Wie bereits erwähnt, war die mentale Unterstützung durch die Studiengangsleiterin Claudia Vogel besonders wichtig für mich.
Ansonsten war ich eine «normale» Studentin. Ich hätte zu Beginn meines Studiums an der BFH von einer strukturierteren Betreuung sicher profitiert, die mir das akademische System nähergebracht und meine Integration sowie den Aufbau von Kontakten zu anderen Studierenden unterstützt hätte.
Hattest du Austausch mit anderen Studierenden aus deiner Heimat oder aus anderen Nationen?
Ja. Eine enge Kommilitonin stammt ebenfalls aus Syrien und hat einen Fluchthintergrund, sodass wir uns gegenseitig verstehen und unterstützen konnten. Dank des internationalen Charakters des Studiengangs hatte ich auch Kolleg*innen aus Spanien, Montenegro und Thailand. Mit den eher zurückhaltenden Schweizer Studierenden ging es etwas länger, bis wir eine gemeinsame Basis aufbauen konnten.
Insgesamt ermöglichten es mir Gruppenprojekte und internationale Kooperationen, unterschiedliche Perspektiven und Arbeitsweisen kennenzulernen. Auch wenn die interkulturelle Teamarbeit manchmal eine Herausforderung darstellte, wurde sie doch zu einem der wertvollsten Aspekte meines Studiums.
Was waren die grössten Hürden in deiner Studienzeit?
Eine der grössten Herausforderungen waren Gruppenarbeiten in Modulen, in denen die Studierenden ihre eigenen Gruppen bilden mussten. Meine syrische Kommilitonin und ich hatten manchmal Schwierigkeiten, in eine Gruppe aufgenommen zu werden. Viele Studierende zogen es vor, mit Leuten zusammenzuarbeiten, die sie bereits kannten. Mehrmals hatten wir das Gefühl, dass Kommiliton*innen unsere Fähigkeiten unterschätzten oder aus anderen Gründen nicht mit uns zusammenarbeiten wollten. Da fühlten wir uns manchmal ausgegrenzt.
In Modulen, in denen die Dozierenden die Gruppen einteilten, verbesserte sich die Situation erheblich. Dieser Ansatz ermutigte die Studierenden, über ihre bestehenden sozialen Kreise hinaus zusammenzuarbeiten, und schuf ein integrativeres Umfeld.
Eine grosse Herausforderung war es auch, in einer Sprache zu studieren, die nicht meine Muttersprache ist. Gleichzeitig haben sich dadurch mein akademisches Englisch und meine Kommunikationsfähigkeiten erheblich verbessert.
Ich musste mich ausserdem an ein völlig anderes Bildungssystem gewöhnen. Das Studium in Syrien war grösstenteils analog mit gedruckten Büchern, Materialien in Papierform und handschriftlichen Notizen. An der BFH verlief ein Grossteil des Lernprozesses digital, einschliesslich des Zugriffs auf Kursmaterialien, der Nutzung von Online-Lernplattformen, der Recherche in elektronischen Datenbanken, der Einreichung von Aufgaben und der Zusammenarbeit mithilfe digitaler Tools. Das war sehr herausfordernd, da ich den Umgang mit diesen Systemen erlernen und mich gleichzeitig mit den akademischen Inhalten auseinandersetzen musste. Mit der Zeit habe ich mich jedoch daran gewöhnt und wertvolle digitale Kompetenzen für die Zukunft entwickelt.
Hast du konkrete Vorschläge, wie die BFH das Studium von geflüchteten Personen besser unterstützen könnte?
Ein strukturiertes Mentoring-Programm für Studierende mit Fluchthintergrund wäre hilfreich, insbesondere während dem ersten Studienjahr. Diese Studierenden verfügen zwar in der Regel über die notwendigen akademischen Fähigkeiten, kennen sich aber möglicherweise nicht mit den informellen Aspekten des Schweizer Hochschulsystems aus – beispielsweise damit, wie man ein Netzwerk aufbaut, Gruppenmitglieder findet, finanzielle Unterstützung erhält oder sich auf den Schweizer Arbeitsmarkt vorbereitet.
Wie erwähnt wäre es hilfreich für die Integration, wenn Dozierende Arbeitsgruppen festlegen oder Gruppenmitglieder rotieren würden, insbesondere in den ersten Semestern. Dies würde Ausgrenzung entgegenwirken und alle Studierenden auf berufliche Umgebungen vorbereiten, in denen man sich seine Kolleg*innen nicht immer aussuchen kann.
Die BFH könnte zudem Informationen über die Anerkennung von Abschlüssen, Stipendien, sprachliche Unterstützung im Studium, Beratungsangebote und Karrieremöglichkeiten noch zentralisierter und klarer bereitstellen und damit Studierenden mit Fluchthintergrund einen gleichberechtigteren Zugang zu Informationen und Netzwerken ermöglichen, über die andere Studierende möglicherweise bereits verfügen.
Noch ein Schlusswort?
Gerne! Ich habe gelernt, dass Menschen manchmal Zeit, Unterstützung, eine neue Chance und vor allem Mut brauchen, um an ihre eigenen Fähigkeiten zu glauben. Ich hoffe, dass meine Erfahrung andere Geflüchtete und Studierende, die sich in einer schwierigen Lage befinden, ermutigen kann, sich selbst und ihre langfristigen Ziele nicht aufzugeben. Dein Ausgangspunkt und die Schwierigkeiten, mit denen du konfrontiert bist, bestimmen nicht, was du erreichen kannst!
Weitere Hintergründe zum Thema und Informationen dazu, wie Berner Hochschulen im Projekt KompetenzHub gemeinsam daran arbeiten, Zugangshürden und Herausforderungen für geflüchtete Studieninteressierte durch eine hochschulübergreifende Zusammenarbeit abzubauen: