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Wie digitale öffentliche Güter die öffentliche Infrastruktur verändern
31.03.2026 In ihrer Keynote an der TRANSFORM 2026 wird Liv Marte Nordhaug, CEO des Digital Public Goods Alliance Secretariat, über digitale öffentliche Güter (DPGs) als Grundstein der digitalen öffentlichen Infrastruktur referieren. Im Interview mit Matthias Stürmer zeigt sie das Potenzial und die Erfolge von DPGs auf.
Das Wichtigste in Kürze
- Die TRANSFORM ist die jährliche Konferenz zum digitalen Wandel in der öffentlichen Verwaltung. Sie wird vom Institut Public Sector Transformation der Berner Fachhochschule organisiert.
- Liv Marte Nordhaug wird an der TRANSFORM 2026 über Digital Public Goods (DPGs) und deren Rolle in der Zukunft der digitalen öffentlichen Infrastruktur sprechen.
- Im Interview mit Matthias Stürmer gibt sie Einblick in Erfolgsgeschichten mit DPGs und in welcher Beziehung sie zur digitalen öffentlichen Infrastruktur stehen.
Welche Erfolge erzielen DPGs? Weshalb muss eben nicht bei Null angefangen werden und wie kann die Art und Weise, wie grundlegende Dienstleistungen erbracht werden, neu gedacht werden? Prof. Dr. Matthias Stürmer, Leiter des Instituts Public Sector Transformation (IPST) der Berner Fachhochschule spricht mit Liv Marte Nordhaug, CEO des Digital Public Goods Alliance Secretariat, über ihre Erfahrungen mit Digital Public Goods in Zusammenhang mit digitaler öffentlicher Infrastruktur. Liv Marte Nordhaug wird an der TRANSFORM 2026 – der Konferenz zum digitalen Wandel des öffentlichen Sektors – eine Keynote halten zum Thema: «How Digital Public Goods are Transforming the Way Countries are Building Digital Public Infrastructure».
Matthias Stürmer: Liv, erklär uns doch kurz: Was sind digitale öffentliche Güter (DPGs)?
Das Konzept der digitalen öffentlichen Güter wird in der Roadmap für digitale Zusammenarbeit des Generalsekretärs der Vereinten Nationen beschrieben. Die Digital Public Goods Alliance (DPGA) wendet diese Definition auf Open Source Software, offene Datensätze, offene KI-Systeme und offene Inhaltssammlungen an. Diese digitalen Güter müssen den Datenschutz und andere geltende Best Practices einhalten, dürfen keinen Schaden anrichten und müssen für die Erreichung der Ziele für nachhaltige Entwicklung (Sustainable Development Goals SDGs) der Vereinten Nationen für 2030 von hoher Relevanz sein.
Praktisch gesehen sind DPGs Technologien, die Regierungen und andere Organisationen frei übernehmen und an ihre eigenen Bedürfnisse anpassen können. Da sie offen lizenziert sind und auf gemeinsamen Standards basieren, ermöglichen sie es Ländern die digitale Transformation zu beschleunigen, öffentliche Dienstleistungen zu verbessern und digitale Systeme aufzubauen, die den Menschen dienen und gleichzeitig Innovation und Wirtschaftswachstum fördern.
Welche Erfolgsgeschichten kannst du uns erzählen?
Ein Beispiel für ein digitales öffentliches Gut mit erheblicher Wirkung ist X-Road, das vom Nordic Institute for Interoperability Solutions (NIIS) betreut wird, einer gemeinsamen Einrichtung Estlands, Finnlands und Islands. X-Road ist ein Open-Source Data Exchange Layer (DXL), der es Systemen des öffentlichen und privaten Sektors ermöglicht, Informationen sicher auszutauschen und gleichzeitig die Kontrolle über ihre eigenen Daten zu behalten. Es bildet die Grundlage für einen Grossteil der digitalen Verwaltung in Estland und ermöglicht es, dass Dienste wie Steuern, Gesundheitswesen und Unternehmensregistrierung nahtlos und sicher über verschiedene Institutionen hinweg funktionieren.
Da X-Road unter einer offenen Lizenz steht, wurde es weltweit übernommen und angepasst. Dazu gehören Regierungen ausserhalb des NIIS, wie beispielsweise Argentinien, wo es den Datenaustausch zwischen öffentlichen Diensten erleichtert hat; Brasilien, wo es die Interoperabilität zwischen verschiedenen Regierungsebenen und Bundesstaaten gestärkt hat; und Japan, wo Unternehmen des privaten Sektors es nutzen, um einen effizienten Informationsaustausch von Kundendaten im Energiesektor zu ermöglichen. Dies zeigt, wie es DPGs sowohl Regierungen als auch Akteuren des privaten Sektors ermöglichen, auf bewährter digitaler Infrastruktur aufzubauen und gleichzeitig die Souveränität über ihre eigenen Systeme zu wahren.
Unsere jüngste Veröffentlichung, die «2025 State of the DPG Ecosystem», hebt viele weitere Beispiele hervor, in denen Regierungen digitale öffentliche Güter in verschiedenen Kontexten und für unterschiedliche Anwendungsfälle erfolgreich implementieren. Zum Beispiel verwendet das französische Präsidialamt seit 2025 LaSuite Docs, einen kollaborativen Texteditor, der es Teams erlaubt, gemeinsam an Dokumenten zu arbeiten. Und Liberia setzt seit Dezember 2025 auf ein Sofortzahlungssystem, das auf dem DPG Mojaloop basiert: «Pay Na-Na».
Es gibt eine Reihe von Gründen, warum Regierungen beim Aufbau ihrer digitalen Infrastruktur zunehmend auf digitale öffentliche Güter zurückgreifen. Einer der wichtigsten ist, dass sie offen und zugänglich sind.
Was sind die Vorteile der Einführung von DPGs?
Es gibt eine Reihe von Gründen, warum Regierungen beim Aufbau ihrer digitalen Infrastruktur zunehmend auf digitale öffentliche Güter zurückgreifen. Einer der wichtigsten ist, dass sie offen und zugänglich sind. Da DPGs offen lizenziert sind, können Länder sie frei übernehmen und an ihre eigenen Bedürfnisse anpassen, anstatt bei Null anzufangen oder sich vollständig auf proprietäre Systeme zu verlassen.
Ausserdem geben sie Regierungen mehr Kontrolle darüber, wie sich ihre digitale Infrastruktur entwickelt. Anstatt an einen einzigen Anbieter oder Tech Stack gebunden zu sein, können Länder diese Systeme im Laufe der Zeit so gestalten, anpassen und verbessern, dass sie ihre eigenen politischen Prioritäten und lokalen Gegebenheiten widerspiegeln.
DPGs können zudem kostengünstiger und schneller zu implementieren sein. Indem sie auf bestehenden offenen Technologien aufbauen, die bereits von einer globalen Gemeinschaft getestet und verbessert wurden, können Regierungen die Entwicklungszeit verkürzen, kostspielige Lizenzvereinbarungen vermeiden und ihre Ressourcen darauf konzentrieren, den Bürgern bessere Dienstleistungen zu bieten.
Schliesslich tragen diese Technologien, da sie offen sind, oft dazu bei, lokale Innovationsökosysteme zu fördern. Wenn Entwickler, Forscher und Unternehmen auf gemeinsamen digitalen Grundlagen aufbauen können, kann dies die Zusammenarbeit anregen, die Schaffung von Arbeitsplätzen unterstützen und zu einem breiteren Wirtschaftswachstum beitragen.
In welcher Beziehung stehen DPGs zur digitalen öffentlichen Infrastruktur?
Die digitale öffentliche Infrastruktur ist so spannend, weil sie es Ländern ermöglicht, grundlegende Dienstleistungen neu zu denken. Wenn digitale Identitätssysteme, Zahlungssysteme, Register und Datenaustauschplattformen auf Interoperabilität ausgelegt sind, können Regierungen völlig neue Möglichkeiten für die Erbringung von Dienstleistungen, für Innovation und für die Teilhabe an der digitalen Wirtschaft schaffen.
Digitale öffentliche Güter spielen eine wichtige Rolle dabei, dies zu ermöglichen. Da sie offen und wiederverwendbar sind und bewährte Verfahren anwenden, können sie als Werkzeuge dienen, die Länder bei der Entwicklung ihrer digitalen öffentlichen Infrastruktur übernehmen und anpassen. Dies ermöglicht es Regierungen, schneller voranzukommen, voneinander zu lernen und zu vermeiden, bei Null anzufangen.
Die Liste von DPGs für den Aufbau digitaler öffentlicher Infrastruktur (DPI) zeigt digitale öffentliche Güter, die Regierungen weltweit zum Aufbau ihrer DPI nutzen.
Die digitale öffentliche Infrastruktur ist so spannend, weil sie es Ländern ermöglicht, grundlegende Dienstleistungen neu zu denken.
Wie kann die Zusammenarbeit von Regierungen durch DPGs ermöglicht werden?
Einer der grössten Vorteile digitaler öffentlicher Güter besteht darin, dass sie Ländern die Zusammenarbeit ermöglichen, während sie gleichzeitig die Souveränität über ihre eigenen digitalen Transformationsprozesse behalten.
Da DPGs unter offenen Lizenzen stehen, können Regierungen Technologien übernehmen und anpassen, die bereits anderswo entwickelt wurden, Verbesserungen in das Ökosystem zurückfliessen lassen und voneinander bei der Umsetzung lernen. Dies erleichtert es den Ländern, schneller voranzukommen, Doppelarbeit zu vermeiden und die für eine inklusive Entwicklung notwendigen digitalen Grundlagen zu stärken.
Auf diese Weise können DPGs zu einer praktischen Grundlage für die digitale Zusammenarbeit zwischen Regierungen werden. Dies ist einer der Gründe, warum das Sekretariat der Digital Public Goods Alliance die „50-in-5“-Kampagne mitleitet, deren Ziel es ist, 50 Länder zusammenzubringen, um innerhalb von fünf Jahren mindestens eine Komponente ihrer sicheren, inklusiven und interoperablen digitalen öffentlichen Infrastruktur zu implementieren. Die Kampagne läuft bis Ende 2028, und mehr als 30 Länder haben sich bereits angeschlossen.
Auf diese Weise können DPGs zu einer praktischen Grundlage für die digitale Zusammenarbeit zwischen Regierungen werden.
Was wirst du uns in deiner Keynote an der TRANSFORM 2026 noch zeigen?
An der TRANSFORM 2026 werde ich aufzeigen, wie digitale öffentliche Güter es Ländern ermöglichen, bei gemeinwohlorientierten, offenen und interoperablen digitalen Systemen zusammenzuarbeiten.
Insbesondere freue ich mich darauf, hervorzuheben, dass diese Art der Zusammenarbeit für Länder der effektivste Weg ist, ihre Handlungsfähigkeit und Autonomie in Zeiten rascher geopolitischer Veränderungen zu wahren. Ich werde auch darauf eingehen, wie digitale öffentliche Güter dazu beitragen können, dass neue Technologien – einschliesslich generativer KI – im Einklang mit dem öffentlichen Interesse entwickelt werden.
Vielen Dank für das Gespräch – wir freuen uns sehr auf deine Keynote am 5. Mai 2026 im Berner Rathaus!
TRANSFORM 2026
Packende Referate im Grossratssaal und spannende Perspektiven beim Austausch in den Pausen: Das ist die TRANSFORM. An der jährlichen Konferenz befassen sich Fachpersonen aus Verwaltung, Wissenschaft, Privatwirtschaft sowie dem nahen Ausland mit aktuellen Themen zum digitalen Wandel in der Verwaltung.
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