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So werden Stadt und Land klimafit

08.10.2026 Heisse und trockene Sommer, häufigere Starkniederschläge: Der Klimawandel fordert die Schweiz heraus. Waldwissenschaftlerin Prof. Dr. Jerylee Wilkes-Allemann erklärt, wie Stadt- und Landschaftsplanung reagieren können.

Das Wichtigste in Kürze

  • Viel Asphalt und wenig Schatten lassen Schweizer Städte im Sommer stark aufheizen und erschweren den Abfluss von zunehmend starken Niederschlägen.
  • Klimaanpassung ist eine Gemeinschaftsaufgabe, bei der Architektur, Landschafts- und Stadtplanung sowie Waldwirtschaft gefordert sind.
  • Zwei BFH-Anlässe vertiefen das Thema in nächster Zeit für Fach- und Laienpublikum.

Ein Blick in die Zukunft: Welche Auswirkungen des Klimawandels werden unseren Alltag in der Schweiz am stärksten prägen?

Die Schweizer Klimaszenarien prognostizieren mehr Hitze, trockenere Sommer und häufigere Starkniederschläge. Im urbanen Raum, wo viele Menschen leben, wird die Hitze am unmittelbarsten spürbar sein, beispielsweise zu Hause, auf dem Arbeitsweg und im öffentlichen Raum. Gleichzeitig setzt Trockenheit Bäume, Wälder und die Landwirtschaft unter Druck. Starkregen stellt zudem unsere Siedlungen vor neue Herausforderungen. Gerade deshalb sollten wir diese Entwicklungen zusammendenken und Lösungsansätze holistisch planen: Ein gesunder Baum braucht Wasser, Platz für den Wurzelraum und die Krone, und einen durchlässigen Boden, der auch bei Starkregen hilft.

Unsere Städte wurden für das Klima des 20. Jahrhunderts gebaut. Wo stossen sie heute bereits an ihre Grenzen?

Wir sehen die Grenzen besonders in dicht bebauten Quartieren: viel Asphalt, wenig Schatten und wenig Platz für Baumwurzeln. Bäume erhalten im Durchschnitt 12 Kubikmeter Raum für ihre Wurzeln, ein grosser Baum braucht jedoch zwischen 200 und 300 Kubikmeter Wurzelraum. Gleichzeitig konkurrieren im Strassenraum Leitungen, Verkehr, Parkplätze und Grünflächen um denselben Platz. Die Herausforderung ist daher nicht allein, mehr Bäume zu pflanzen. Wir müssen die Bedingungen schaffen, unter denen sie wachsen und ihre Ökosystemleistungen über Jahrzehnte entfalten können.

Über die Interviewpartnerin

Prof. Dr. Jerylee Wilkes-Allemann ist Professorin für Wald- und Umweltpolitik am Departement Hochschule für Agrar-, Forst- und Lebensmittelwissenschaften (HAFL) der BFH. In Forschung und Beratung beschäftigt sie sich unter anderem mit Klimaanpassung und der Rolle von Bäumen und Wäldern dabei. «Forschung kann Gemeinden helfen, Handlungsbedarf zu erkennen, geeignete Massnahmen zu entwickeln und die beteiligten Akteure einzubeziehen. Eine Karte der Hitzebelastung allein reicht dafür nicht aus. Wir müssen auch wissen, wer einen Ort nutzt, wo Bäume gepflanzt werden können, wer besonders von Hitze betroffen ist und wer später die Grünflächen pflegt», zeigt sie sich überzeugt.

In jüngstger Zeit erarbeitete sie mit ihrem Team unter anderem für die Stadt Villeneuve (VD) ein Konzept zur Klimaanpassung und zur Vergrösserung des Baumkronendachs, das in den kommenden Jahren umgesetzt werden soll. Derzeit untersuchen die Forschenden ausserdem, in welchen Schweizer Gemeinden mobile Begrünung sinnvoll sein könnte, insbesondere an Orten, an denen Bäume nicht dauerhaft gepflanzt werden können und stark von Versiegelung und Hitze betroffen sind.

Portraitbild Jerylee Wilkes-Allemann

Wenn wir ins Jahr 2050 blicken: Woran werden wir in Schweizer Städten und Landschaften am deutlichsten erkennen, dass wir uns an den Klimawandel angepasst haben?

Ich hoffe, dass wir im Jahr 2050 schon beim Spaziergang durch ein Quartier sehen und spüren, wie sich unsere Städte verändert haben: Strassen und Plätze bieten auch an heissen Tagen Schatten. Regenwasser kann versickern. Bäume haben genügend Raum, sind gross geworden und gesund. Begrünte Fassaden gehören zum Stadtbild, vielfältige Lebensräume fördern die Biodiversität, und deutlich weniger Flächen sind versiegelt. Wir leben stärker im Einklang mit der Natur.

Was heisst das konkret?

Ein gutes Leitbild dafür ist die 3-30-300-Regel: Von jeder Wohnung, Schule und jedem Arbeitsplatz aus sollten mindestens drei Bäume sichtbar sein. Jedes Quartier sollte zu mindestens 30 Prozent von Baumkronen bedeckt sein, und der nächste öffentliche Grünraum sollte höchstens 300 Meter entfernt liegen. Besonders wichtig ist mir, dass auch Quartiere grüner werden, in denen heute Bäume und Grünflächen fehlen.

Wie sieht es ausserhalb der Städte aus?

Hier werden wir die Anpassung an widerstandsfähigen und resilienten Wäldern und Landschaften erkennen, die Lebensraum bieten, Wasser zurückhalten und für Menschen zugänglich bleiben. Waldplanung und Raumplanung arbeiten stärker zusammen. So schaffen wir Orte, an denen wir auch unter veränderten Klimabedingungen gut leben können.

Muss sich unser Verständnis von Stadtentwicklung und Landschaft also grundlegend verändern?

Meiner Meinung nach ja. Wir sollten Bäume und Grünräume als wesentlichen Teil der Stadtentwicklung verstehen und Stadt und Umland gemeinsam planen. Einzelbäume, Alleen, Parks und stadtnahe Wälder spenden Schatten und kühlen ihre Umgebung, d.h. sie bieten eine Vielzahl an Ökosystemleistungen. Gleichzeitig bieten sie Lebensraum und schaffen Orte für Bewegung, Begegnung und Erholung. In meiner Forschung interessiert mich besonders, wie wir diese vielfältigen Leistungen langfristig erhalten und wer dafür Verantwortung übernimmt. Klimaanpassung ist eine Gemeinschaftsaufgabe: Architektur, Landschafts- und Stadtplanung, Waldwirtschaft und weitere Fachbereiche müssen miteinander ins Gespräch kommen und gemeinsam entscheiden und einen Beitrag dazu leisten, wie die Stadt von morgen aussehen soll. Diese Transformation wird viel Zeit in Anspruch nehmen. Alles, was wir heute planen, werden wir – oder zumindest ich – wahrscheinlich nicht mehr geniessen können, sondern unsere Kinder und die künftigen Generationen.

Anlässe zum Thema

Gleich zwei Anlässe der BFH beschäftigen sich in nächster Zeit mit dem Thema Klimaanpassung:

Die Veranstaltungsreihe «Impact & Connect: Treffpunkt für nachhaltige Entwicklung und Innovation» steht am 22.10.2026 unter dem Titel «Zwischen Gluthitze und Wolkenbruch: Wie schützen wir uns in der Klimakrise?» Jerylee Wilkes-Allemann und Alumni der BFH geben dem interessierten Publikum Einblick in ihre Tätigkeit im Bereich der Klimaanpassung.

Speziell an Fachpersonen richtet sich die Konferenz «Green the City – Grow the Future: Wie können Städte grüner, lebenswerter und zukunftsfähiger werden?» am 23. und 24. November 2026. Der Kongress bringt Expert*innen aus Forschung, Wirtschaft und Praxis zusammen, um aktuelle Entwicklungen, Ansätze und Erfahrungen zu diskutieren.

Wenn Sie den Verantwortlichen in Schweizer Gemeinden eine einzige Empfehlung mit auf den Weg geben könnten: Welche wäre das?

Schützen und erhalten Sie die Bäume und Grünräume in Ihrer Gemeinde – und schaffen Sie Raum für weitere. Denken Sie bei jeder anstehenden Umgestaltung die Klimaanpassung und Grünräume von Anfang an mit, gemeinsam mit den Menschen und Fachstellen, die den Ort nutzen und betreuen. Fragen Sie nicht nur, wo heute ein Baum Platz hat, sondern auch, wie er in zwanzig, vierzig oder achtzig Jahren noch gesund wachsen kann. Beziehen Sie bestehende Bäume und Grünräume früh in die Planung ein, statt sie während der Bauarbeiten zu entfernen und erst danach Ersatz zu suchen. Klimaanpassung braucht vorausschauende Planung, langfristige Verantwortung und eine gemeinsame Vorstellung davon, wie wir künftig leben wollen.

Gibt es ein Beispiel einer Landschaft, eines Projekts oder einer Stadt, das Ihnen Hoffnung macht?

Die Optingenstrasse in Bern ist für mich ein ermutigendes Beispiel. Dort wird im bestehenden Quartier Platz für Bäume geschaffen und Fläche entsiegelt. Das Projekt zeigt, dass Klimaanpassung ganz konkret werden kann, an einer Strasse, die Menschen täglich nutzen. Solche Veränderungen machen auch sichtbar, dass ein Baum mehr ist als Dekoration: Er ist Teil eines lebenswerten, resilienten und nachhaltigen öffentlichen Raums.

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