Hebammengeleitete Versorgungsmodelle Schweiz: Zugang und Inanspruchnahme
Hebammengeleitete Versorgungsmodelle bieten vielfältige Vorteile, werden aber in der Schweiz trotz bestehender Angebote selten genutzt. Das Projekt untersucht, wie der Zugang und die Nutzung dieser Modelle verbessert werden können.
Steckbrief
- Beteiligte Departemente Gesundheit
- Institut(e) Geburtshilfe
- Förderorganisation Andere
- Laufzeit (geplant) 01.01.2026 - 31.12.2029
- Projektleitung Fanny Mewes-Toumi
- Projektmitarbeitende Prof. Dr. Susanne Grylka
- Partner Stiftung Amaari
- Schlüsselwörter Hebammengeleitete Versorgung; Geburtshilfe; Zugang zur Gesundheitsversorgung; Versorgungsmodelle; Fachpersonen; Schweiz
Ausgangslage
Hebammengeleitete Versorgungsmodelle sind mit besseren mütterlichen und neonatalen Outcomes, weniger geburtshilflichen Interventionen und positiveren Geburtserfahrungen verbunden. In der Schweiz existieren verschiedene Formen hebammengeleiteter Versorgung, wie Hausgeburten, Geburtshäuser sowie hebammengeleitete Abteilungen in Spitälern. Dennoch werden diese Angebote bislang nur von einem kleinen Teil der Frauen genutzt. Diese Diskrepanz zwischen vorhandenen Strukturen und geringer Nutzung wirft zentrale Fragen zum Zugang und zur Nutzung auf. Studien zeigen, dass die Inanspruchnahme hebammengeleiteter Modelle durch ein komplexes Zusammenspiel von organisatorischen Rahmenbedingungen, professionellen Haltungen und individuellen Vorstellungen von Frauen beeinflusst wird. Für die Schweiz fehlen jedoch bislang systematische Daten zur konkreten Ausgestaltung und Nutzung der vorhandenen Modelle. Ebenso liegen nur begrenzte Erkenntnisse zu den Erwartungen, Informations- und Beratungserfahrungen von Frauen sowie zu den Einstellungen und Beratungspraktiken von Gesundheitsfachpersonen vor. Das vorliegende Projekt setzt hier an und untersucht den Zugang zu und die Nutzung hebammengeleiteter Versorgungsmodelle in der Schweiz aus einer strukturellen, individuellen und professionellen Perspektive.
Vorgehen
Ziel dieses Forschungsprojekts ist es, den Zugang zu und die Nutzung hebammengeleiteter Versorgungsmodelle in der Schweiz systematisch zu untersuchen und fördernde sowie hemmende Faktoren auf struktureller, individueller und professioneller Ebene zu identifizieren. Zur Erreichung dieses Ziels wird ein multimethodischer Ansatz verfolgt, der drei miteinander verknüpfte Studien umfasst. In der ersten Studie werden die bestehenden Organisationsformen hebammengeleiteter Versorgung in der Schweiz erstmals national erfasst und beschrieben. Dazu werden Sekundärdaten ausgewertet und durch eine nationale telefonische Erhebung bei Spitälern, Geburtshäusern und freiberuflich tätigen Hebammen ergänzt. Ziel ist eine umfassende Übersicht über Strukturen, Angebote und Nutzung. Die zweite Studie untersucht die Perspektive der Frauen mittels einer nationalen Online-Befragung. Erhoben werden soziodemografische Merkmale, genutzte Versorgungsmodelle, Informations- und Beratungserfahrungen, Einstellungen, Präferenzen und wahrgenommene Zugangsbarrieren. In der dritten Studie werden qualitative, leitfadengestützte Interviews mit Hebammen und Fachärzt*innen für Gynäkologie und Geburtshilfe aus der Schweiz geführt. Diese beleuchten professionelle Einstellungen, Beratungspraktiken sowie fördernde und hemmende Faktoren. Die theoretische Grundlage des Projektes bildet das Modell von Levesque, das Zugang und Nutzung als Zusammenspiel struktureller Bedingungen und individueller Handlungsmöglichkeiten.
Ergebnisse
Das Projekt liefert eine systematische, nationale Übersicht über die organisatorische Ausgestaltung und Nutzung hebammengeleiteter Versorgungsmodelle in der Schweiz. Erwartet werden detaillierte Erkenntnisse darüber, welche Modelle existieren, wie sie organisiert sind und in welchem Umfang und durch wen sie genutzt werden. Auf individueller Ebene werden unterschiedliche Nutzungsprofile identifiziert, die zeigen, welche sozialen, individuellen und strukturellen Faktoren mit der Wahl oder Nicht-Wahl hebammengeleiteter Versorgung verbunden sind. Dadurch wird sichtbar, welche Gruppen besonders profitieren, aber auch welche Frauen bislang kaum Zugang zu diesen Angeboten haben. Die qualitative Studie ergänzt diese Ergebnisse um die Perspektive der Fachpersonen. Sie zeigt auf, wie Gesundheitsfachpersonen hebammengeleitete Modelle wahrnehmen. Die Kombination der drei Studien ermöglicht es, strukturelle, professionelle und individuelle Einflussfaktoren miteinander in Beziehung zu setzen und bestehende Barrieren sowie förderliche Bedingungen klar zu benennen.
Ausblick
Die Ergebnisse des Projekts schaffen eine fundierte empirische Grundlage für die Weiterentwicklung der geburtshilflichen Versorgung in der Schweiz. Sie ermöglichen die Entwicklung von evidenzbasierten Empfehlungen zur Verbesserung des Zugangs zu hebammengeleiteten Modellen und zur gezielten Stärkung bestehender Strukturen. Für die Praxis können die Erkenntnisse dazu beitragen, Informations- und Beratungsprozesse stärker an den Bedürfnissen von Frauen auszurichten und professionelle Schnittstellen zwischen Gesundheitsfachpersonen weiterzuentwickeln. Auf struktureller Ebene liefern die Ergebnisse Hinweise darauf, unter welchen Bedingungen hebammengeleitete Versorgung gut zugänglich ist und wie bestehende Angebote besser genutzt werden können. Darüber hinaus ist das Projekt anschlussfähig an gesundheitspolitische Diskussionen zur Qualität und Nachhaltigkeit der Geburtshilfe. Langfristig kann es dazu beitragen, Ungleichheiten im Zugang zu reduzieren und die Wahlfreiheit von Frauen zu stärken. Die gewonnenen Erkenntnisse sind auch für andere Länder mit vergleichbaren Gesundheitssystemen von Relevanz und bieten Anknüpfungspunkte für weiterführende Forschung.