• Bachelor of Science in Elektrotechnik und Informationstechnologie

Porträt Joël Gonseth

«Mein Beruf ist ein riesiges Rätsellöse-Spiel.» Der Elektroningenieur Joël Gonseth arbeitet in der Abteilung Weltraumforschung und Planetologie der Universität Bern. Welche Aufgaben er dort zu lösen hat, erzählt er im Interview.

Joël Gonseth

Was hast du an der BFH studiert? Wann hast du dein Studium abgeschlossen?
Berufsbegleitend habe ich Elektrotechnik und Informationstechnologie studiert und meinen Bachelorabschluss im Januar 2020 gemacht.

Was hast du aus dem Studium an der BFH mitgenommen?
Das mit Abstand Wichtigste ist die sehr grosse Werkzeugkiste an Methoden, die mir bei der Problemlösung helfen. Das ist der grosse Unterschied zwischen jemandem mit einem Hochschulabschluss und jemandem ohne Hochschulabschluss. Jeder kann Fähigkeiten erwerben, indem er ausprobiert oder Google benutzt. Doch die Vorgehensweise bei «learning by doing» ist häufig nicht so strukturiert, wie wenn man sich auf sein Studium stützen kann. Durch das Studium kenne ich die verfügbaren Technologien und verfüge über die Wissensbasis, um ein Projekt auf sinnvolle Weise anzugehen. Anstatt Problem für Problem zu googlen, habe ich ein gutes Bild davon, wie das Produkt von Anfang an aussehen muss. Das Studium ermöglicht mir konzeptuell besser zu arbeiten.

Was hat dir rückblickend während deiner Studienzeit an der BFH gefehlt?
Zu Beginn meines Studiums habe ich mich nicht für die Wirtschaftsbereiche interessiert. Aus diesem Grund habe ich die Freifächer im Bereich Wirtschaft leider nicht besucht. Als ich dann versuchte, mit einem Kollegen ein StartUp zu gründen erwachte mein Interesse für wirtschaftliche Zusammenhänge. Ich werde diese Bereiche sicher in Form eines Nachdiplomstudiums nachholen.

Wie sieht deine aktuelle berufliche Tätigkeit aus?
Ich bin Entwicklungsingenieur an der Universität Bern, Abteilung für Weltraumforschung und Planetologie. Ich bilde die Schnittstelle zwischen der NASA IMAP Mission und der Universität Bern. Dazu gehört insbesondere die Vorbereitung der Messkampagne hier in Bern. Zu diesem Zweck muss ein grosser Teil der Eichanlage neu entwickelt werden. Zur Eichanlage gehören eine Vakuumkammer, in der das IMAP-Instrument platziert wird, und die Ionenstrahlanlage, die den Ionenstrahl zur Kalibrierung des Instruments erzeugt. Diese Systeme müssen für die folgende Mission neu ausgelegt werden. Dies liegt in meiner Verantwortung.

Was fasziniert dich an deinem Beruf/deiner Tätigkeit?
Es klingt falsch, doch am meisten begeistert mich diese morbide Faszination immer wieder vor ein sehr schwieriges bis «unlösbares» Problem gestellt zu werden und dann Schritt für Schritt eine beliebig originelle und ausgefallene Lösung für dieses Problem zu finden, zu entwickeln und schlussendlich zu testen. Dies immer unter den ebenfalls limitierenden Vorgaben des Kunden. Mein Beruf ist ein riesiges Rätsellöse-Spiel.

Was war auf deiner beruflichen Laufbahn dein prägendstes Ereignis?
Für mich ist es immer der Dank der Kund*innen. Eine erfolgreiche Messkampagne bedeutet, dass sich der ganze Aufwand in den letzten Monaten gelohnt hat, dass man an alle Eventualitäten gedacht hat und das Projekt erfolgreich abschliessen kann. Mein prägendstes Erlebnis war im Januar 2019, als ich chinesische Gäste im Labor hatte. Zugleich hatten wir im Studium viele zeitaufwendige Projekte, und Ende Monat standen viele Abschlussprüfungen an, die wir vorbereiten mussten. Bei Messkampagnen beträgt mein Arbeitsaufwand immer deutlich mehr als 12 Stunden. Die zusätzliche Belastung des Studiums hat mich in dieser Zeit so sehr ausgelastet, dass ich einen Monat lang nicht mehr als vier Stunden Schlaf pro Nacht hatte. Als dann die Messkampagne erfolgreich beendet war, alles geklappt hat und alle dankbar waren, war das schon ein sehr schöner Moment.

Wie sieht deine berufliche Zukunft aus?
Ich kann mir nicht vorstellen, jemals zu rasten. Obwohl mir meine jetzige Arbeit sehr gefällt habe ich das nun in den letzten sechs Jahren gemacht. In den nächsten fünf Jahren suche ich nun noch andere Herausforderungen in der Privatwirtschaft. Als nächster Eckpunkt steht ein CAS an, gerne auch an der BFH, in den Bereichen Projektmanagement und Leadership. Diese Bereiche interessieren mich genau so sehr wie die Technik und es wird eine gute Bereicherung für mein Portfolio.

Bist du Mitglied in einer Alumni-Organisation? Was ist für dich ein Mehrwert der Alumni-Arbeit an Hochschulen?
Ja, ich bin Mitglied bei Alumni BFH. Das hat sich irgendwie automatisch so ergeben. Für mich hat die Alumni Arbeit etwas Sentimentales. Ich erinnere mich gerne zurück an die Studiumszeit. Wenn ich in den Newsletter lese was heute an der Fachhochschule läuft, versetzt mich dies in meine eigene Zeit an der BFH zurück.

Welchen Rat gibst du künftigen und aktuellen Studierenden mit auf den Weg?
Ich empfehle jedem/jeder ein Studium nach Möglichkeit berufsbegleitend zu absolvieren. Die Symphonie, die sich zwischen Studium und Beruf ergibt, motiviert mehr als man sich selber motivieren könnte. Ein Studium erklärt häufig Sachverhalte, welche man im Beruf und Alltag bereits beobachtet hat, jedoch nicht erklären konnte oder die einem nicht einmal auffielen. So häufig wurde mir während des Unterrichtes plötzlich glasklar was ich bereits mit eigenen Augen gesehen habe. Auch bereichert es das Studium, wenn man im Studium gelerntes Knowhow direkt in der Praxis anwenden kann und nicht warten muss, bis das Studium vorbei ist.

Was machst du in deiner Freizeit?
In erster Linie das gleiche wie im Beruf :-) Ich unterscheide nicht gross zwischen Beruf und Freizeit. Jeden Tag lese ich Bücher über Themen, die mich beschäftigen oder über die ich mehr erfahren möchte. Im Moment sind dies Bücher mit wirtschaftlichem Inhalt oder über Bereiche, in denen ich meine fachlichen Kompetenzen verbessern möchte. Ansonsten steht ganz der Job im Fokus und der darf mich gerne mehr als 100% beschäftigen.

 

Interview in der Heftreihe "Perspektiven" des SDBB Verlags

(Stand des Interviews: November 2020)