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Migräne ist mehr als Kopfschmerzen

01.09.2026 Mehr als eine Million Menschen in der Schweiz leben mit Migräne. Trotzdem wird die Erkrankung oft auf starke Kopfschmerzen reduziert und die komplexe neurologische Erkrankung dahinter verkannt. Physiotherapeut*innen und Pflegefachpersonen spielen eine entscheidende Rolle in der Behandlung.

Das Wichtigste in Kürze

  • Migräne ist eine komplexe neurologische Krankheit, bei der Betroffenen häufig Übelkeit, Schwindel, Lichtempfindlichkeit oder Erschöpfung erleben.

  • Eine genaue Abklärung ist entscheidend und Physiotherapeut*innen sowie Pflegefachpersonen spielen eine wichtige Rolle beim Erkennen, Begleiten und Behandeln.

  • Eine interprofessionelle Versorgung kann die Lebensqualität von Menschen mit Migräne nachhaltig verbessern.

Laura S. ist 44 Jahre alt. Seit ihrem 20. Lebensjahr begleiten sie Kopfschmerzen – manchmal ein- bis zweimal pro Woche. Die Schmerzen beginnen meist auf der rechten Kopfseite, ziehen bis hinter das Auge und fühlen sich an, «als würde ein Hammer auf den Kopf schlagen». Dazu kommen Übelkeit, Lichtempfindlichkeit, Gangunsicherheit und manchmal kalte Hände und Füsse. Bewegung verschlimmert die Beschwerden, Alkohol kann eine Attacke auslösen. Eine rechtzeitig eingenommene Schmerztablette hilft manchmal, ebenso verschafft eine Behandlung der Halswirbelsäule kurzfristig Erleichterung.

Lauras Geschichte zeigt, wie komplex Migräne sein kann. Sind die Beschwerden tatsächlich eine klassische Migräne? Spielen auch Nacken, Gleichgewichtssystem oder Sehstörungen eine Rolle? Oder überlagern sich verschiedene Ursachen? Die Antworten auf diese Fragen entscheiden darüber, welche Behandlung sinnvoll ist.

Physiotherapeut*innen und Pflegefachpersonen spielen eine entscheidende Rolle in der Behandlung von Migräne.
Physiotherapeut*innen und Pflegefachpersonen spielen eine entscheidende Rolle in der Behandlung von Migräne.

Weit verbreitet und dennoch unterschätzt

Migräne gehört zu den häufigsten neurologischen Erkrankungen. In der Schweiz sind über eine Million Menschen betroffen. Frauen erkranken etwa doppelt so häufig wie Männer, am stärksten betroffen sind Menschen zwischen 20 und 50 Jahren. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) zählt Migräne weltweit zu den Erkrankungen mit der höchsten Beeinträchtigung der Lebensqualität. Trotzdem hält sich hartnäckig das Bild, Migräne sei «einfach Kopfschmerzen». Dabei erleben Betroffene häufig weit mehr: Übelkeit, Schwindel, Licht-, Geräusch- oder Geruchsempfindlichkeit, Konzentrationsprobleme oder Sehstörungen gehören für viele ebenso zur Erkrankung wie der eigentliche Schmerz. Eine Migräneattacke verläuft zudem in verschiedenen Phasen. Schon Stunden oder sogar Tage vor den Kopfschmerzen können erste Anzeichen wie Müdigkeit, Heisshunger, Gereiztheit oder Nackenschmerzen auftreten. Nach der Attacke fühlen sich viele Betroffene noch bis zu einem Tag lang erschöpft.

Variable und überlappende Phasen und Symptome einer Migräneattacke Bild vergrössern

Nicht jeder Kopfschmerz ist Migräne

Für eine erfolgreiche Behandlung ist eine sorgfältige Abklärung Voraussetzung. Es muss unterschieden werden, ob es sich um einen primären Kopfschmerz – beispielsweise eine Migräne oder einen Spannungskopfschmerz – oder um einen sekundären Kopfschmerz handelt, der durch eine andere Erkrankung verursacht wird und rasch medizinisch abgeklärt werden muss. Gerade hier übernehmen Physiotherapeut*innen und Pflegefachpersonen eine wichtige Aufgabe. Sie begleiten Patient*innen oft über längere Zeit und können Veränderungen früh erkennen. Gleichzeitig müssen sie beurteilen können, ob die Beschwerden beispielsweise eher vom Bewegungsapparat, vom Gleichgewichtssystem, vom Sehsystem, vom Nervensystem oder von mehreren Faktoren gleichzeitig ausgehen.

Die grösste Herausforderung liegt dabei in den Überlappungen. Nackenschmerzen können Teil einer Migräne sein, müssen aber nicht deren Ursache sein. Schwindel kann durch das Gleichgewichtssystem entstehen oder als Begleitsymptom einer Migräne auftreten. Wer ausschliesslich das schmerzende Körperteil behandelt, riskiert, die eigentliche Ursache zu übersehen.

Physiotherapie und Pflege mit Schlüsselrolle in Behandlung

Bis eine passende medikamentöse Therapie gefunden wird, vergehen im Durchschnitt mehrere Jahre. Medikamente können Attacken lindern oder vorbeugen, sie sind aber nur ein Teil der Behandlung. Physiotherapeut*innen helfen Betroffenen unter anderem dabei, ihre körperliche Belastbarkeit wieder aufzubauen, Verspannungen einzuordnen, Bewegungsängste abzubauen und einen besseren Umgang mit den Beschwerden zu entwickeln. Ebenso wichtig sind Aufklärung und Beratung: Welche Faktoren können eine Attacke begünstigen? Wie lassen sich Warnzeichen erkennen? Wann sollte eine ärztliche Kontrolle erfolgen? Auch Pflegefachpersonen übernehmen eine zentrale Rolle. Sie begleiten Betroffene oft langfristig, fördern das Selbstmanagement, unterstützen beim Umgang mit Medikamenten und helfen dabei, Veränderungen im Krankheitsverlauf frühzeitig zu erkennen.

Die Behandlung von Menschen mit Migräne stellt hohe Anforderungen an Gesundheitsfachpersonen. Wer die Erkrankung und ihre vielfältigen Erscheinungsformen versteht, kann Betroffene gezielt begleiten und Fehleinschätzungen vermeiden. Physiotherapeutin Heike Kubat forscht und unterrichtet an der BFH zu Migräne und Kopfschmerzerkrankungen. Im Interview erklärt sie, weshalb Migräne noch immer häufig unterschätzt wird, welche Rolle Trigger tatsächlich spielen, wie eine interprofessionelle Behandlung aussehen kann und was Arbeitgeber*innen dazu beitragen können, Betroffene im Berufsalltag zu unterstützen.

Forschung für eine bessere Kopfschmerzversorgung

Forschung für eine bessere Kopfschmerzversorgung

Wie können Physiotherapeut*innen Menschen mit Migräne und anderen Kopfschmerzerkrankungen noch gezielter unterstützen? Dieser Frage geht ein aktuelles Forschungsprojekt der BFH nach. Im Zentrum steht ein evidenzbasiertes Trainingsprogramm für Physiotherapeut*innen, das die Diagnostik, das Clinical Reasoning und das Management von Kopfschmerzerkrankungen stärken soll. Ziel ist es, die Versorgung von Betroffenen nachhaltig zu verbessern und aktuelles wissenschaftliches Wissen schneller in die Praxis zu bringen.

«Ein Migräneprogramm sollte die Betroffenen über den gesamten Behandlungsweg begleiten»

kurze, prägnante Zusammenfassung, was auf dem Bild zu sehen ist und das Linkziel, falls Bild verlinkt ist.
Physiotherapeutin Heike Kubat forscht und unterrichtet an der BFH zu Migräne und Kopfschmerzerkrankungen.

Was hat Sie persönlich dazu bewegt, sich auf Migräne zu spezialisieren?

Heike Kubat: Mein Interesse für Migräne entstand bereits früh in meiner Tätigkeit als Physiotherapeutin. Ich habe viele Patient*innen begleitet, die einen langen Leidensweg hinter sich hatten und sich oft unverstanden fühlten. Mich hat beeindruckt, wie stark Migräne das Leben beeinflussen kann – beruflich, familiär und sozial. Gleichzeitig habe ich festgestellt, dass Migräne häufig auf ein Symptom reduziert wird, nämlich den Kopfschmerz. Die Diskrepanz zwischen der hohen Krankheitslast und dem oft lückenhaften Verständnis hat mich motiviert, mich wissenschaftlich und klinisch vertieft mit dem Thema auseinanderzusetzen und zur Verbesserung der Versorgung beizutragen.

Welchen Falschaussagen über Migräne begegnen Sie immer wieder? Mit welchen Vorurteilen sehen sich Ihre Patient*innen konfrontiert?

Am häufigsten höre ich Aussagen wie: «Migräne ist doch nur ein bisschen Kopfweh» oder «Du bist einfach zu stressanfällig». Solche Vorstellungen werden der Erkrankung nicht gerecht. Migräne ist eine neurologische Erkrankung und kann mit starken Schmerzen, Übelkeit, Licht- und Geräuschempfindlichkeit, Konzentrationsstörungen und ausgeprägter Erschöpfung verbunden sein. Viele Betroffene funktionieren nach aussen scheinbar normal und das führt dazu, dass sich Patient*innen oft rechtfertigen müssen – am Arbeitsplatz, im privaten Umfeld oder sogar im Gesundheitswesen. Das Vorurteil, Migräne sei eine Frage von mangelnder Belastbarkeit oder persönlicher Schwäche, ist leider nach wie vor weit verbreitet. Den Betroffenen wird häufig gesagt: «Du bist eben ein zartes Pflänzchen».

«Wichtig ist zu verstehen: Trigger lösen eine Attacke bei einer vorhandenen Migräneerkrankung aus – sie sind nicht die Ursache der Erkrankung selbst.»

  • Heike Kubat Dozentin BFH

Welche Ursachen werden bei Migräne oft genannt? Welche Rolle spielen Hormone, Stress und andere Trigger tatsächlich?

Viele Menschen suchen nach der einen Ursache für ihre Migräne. Tatsächlich entsteht Migräne durch ein komplexes Zusammenspiel genetischer, neurologischer und biologischer Faktoren. Hormone spielen insbesondere bei Frauen eine wichtige Rolle. Schwankungen des Östrogenspiegels können Migräneattacken begünstigen, weshalb viele Frauen rund um die Menstruation häufiger betroffen sind. Stress wird oft als Hauptursache genannt. Genau genommen verursacht Stress die Migräne nicht, sondern kann eine Attacke auslösen. Dasselbe gilt für andere Trigger wie Schlafmangel, unregelmässige Mahlzeiten, Wetterwechsel oder bestimmte Sinnesreize. Wichtig ist zu verstehen: Trigger lösen eine Attacke bei einer vorhandenen Migräneerkrankung aus – sie sind nicht die Ursache der Erkrankung selbst.

Betroffene warten häufig Jahre auf die richtige Behandlung. Wo liegen aus Ihrer Sicht die grössten Lücken in der Versorgung?

Eine grosse Herausforderung ist die verspätete Diagnose. Viele Betroffene nehmen ihre Beschwerden über Jahre hin oder erhalten zunächst keine gezielte Abklärung. Hinzu kommt, dass Migräne in der Versorgung oft noch unterschätzt wird. Nicht alle Patient*innen erhalten Zugang zu einer umfassenden Beratung oder zu den heute verfügbaren medikamentösen und nicht-medikamentösen Therapien. Aus meiner Sicht fehlt es zudem an einer besseren Vernetzung der verschiedenen Berufsgruppen. Migräne betrifft viele Lebensbereiche. Deshalb profitieren Betroffene häufig von einem interprofessionellen Ansatz.

«Migräne betrifft viele Lebensbereiche. Deshalb profitieren Betroffene häufig von einem interprofessionellen Ansatz.»

  • Heike Kubat Dozentin BFH

Sie setzen sich für ein strukturiertes Migräneprogramm ein. Wie könnte ein solches aussehen und weshalb wäre es ein Gewinn für die Behandlung?

Ein modernes Migräneprogramm sollte die Betroffenen über den gesamten Behandlungsweg begleiten. Dazu gehören eine frühzeitige Diagnose, eine systematische Erfassung der Beschwerden, evidenzbasierte Akut- und Prophylaxetherapien. Ein weiterer zentraler Bestandteil wäre die interprofessionelle Betreuung, in der je nach Bedarf medizinische, physiotherapeutische, psychologische und verhaltensbezogene Massnahmen kombiniert werden. Ebenso wichtig sind Patientenschulungen und Informationen zum Selbstmanagement, damit Betroffene ihre Erkrankung besser verstehen und aktiv mitgestalten können. Für die Patient*innen bedeutet dies eine höhere Lebensqualität und mehr Kontrolle über ihre Erkrankung. Für die Krankenkassen könnte ein solches Programm langfristig Kosten sparen, weil unnötige Arztkonsultationen, Notfallbesuche, Fehlmedikationen und Arbeitsausfälle reduziert werden können.

Was können Arbeitgeber*innen konkret tun, damit Menschen mit Migräne ihren Beruf bestmöglich ausüben können?

Der wichtigste Schritt ist Verständnis. Migräne ist keine Befindlichkeitsstörung, sondern eine ernstzunehmende neurologische Erkrankung. Arbeitgeber*innen können viel bewirken, indem sie flexible Arbeitsmodelle ermöglichen, beispielsweise Homeoffice, angepasste Arbeitszeiten oder die Möglichkeit zu kurzen Erholungsphasen während einer Attacke. Auch eine möglichst reizarme Arbeitsumgebung mit guter Beleuchtung und reduzierter Lärmbelastung kann hilfreich sein. Ebenso wichtig ist eine offene Unternehmenskultur, in der Betroffene keine Stigmatisierung befürchten müssen. Menschen mit Migräne sind in der Regel hoch motiviert und leistungsfähig – das Migränehirn wird auch als «Superhirn» bezeichnet. Salvador Dalí, Richard Wagner und Albert Einstein litten zum Beispiel ebenfalls an Migräne. Mit den richtigen Rahmenbedingungen können Betroffene ihre Kompetenzen optimal einbringen und nachhaltig im Berufsleben bleiben.

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