Was ein öffentlicher Park und ein Forschungslabor gemeinsam haben

09.06.2026 Wie wäre es mit einem Forschungslabor, in dem nicht nur Wissenschaftler*innen forschen, sondern auch Menschen aus der Praxis, Pensionierte, Studierende oder neugierige Bürger*innen? Genau das schwebt Meike Ramon von der BFH Wirtschaft vor.

Meike, du hast, gemeinsam mit fünf anderen Forschenden, einen Artikel geschrieben. Dort sagt ihr: «Wir sollten Wissenschaft neu denken». Was steckt genau dahinter?

Ich denke ein Beispiel illustriert unseren Standpunkt sehr gut: Ein neunjähriges Mädchen in Kanada hatte das Gefühl, dass die öffentlichen Händetrockner extrem laut seien. Zudem beobachtete sie, dass sich andere Kinder beim Vorbeigehen an laufenden Geräten oftmals die Ohren zuhielten. Sie beschloss nachzumessen und hat festgestellt, dass die Geräte auf «Kinderohrenhöhe» deutlich lautere Dezibel-Werte erreichen als die Norm erlaubt. Das hätte kein Ingenieur bei Dyson bemerkt. Es brauchte jemanden, der aufmerksam und aus einer anderen Perspektive zugeschaut hat. Genau hier sehen wir den Mehrwert, wenn Wissenschaft auf Augenhöhe – oder in diesem Fall Ohr-Höhe – mit allen stattfindet.

Wo findet Wissenschaft denn heute statt?

Traditionell läuft wissenschaftliche Forschung über zwei Kanäle: Staatlich geförderte Universitäten und Institutionen auf der einen Seite, industriell finanzierte Forschung, zum Beispiel in der Pharmaindustrie, auf der anderen. Die Anzahl solcher Stellen nimmt jedoch ab. Gleichzeitig gibt es weltweit so viele gut ausgebildete Wissenschaftler*innen wie nie zuvor. Wir verlieren also Wissen und Kompetenz. Wir verlieren Leute, die gerne forschen würden, für die es aber keine Stellen gibt. Uns interessiert deshalb die Frage: Wie schaffen wir Räume, in denen mehr Menschen Wissenschaft mitgestalten können?

In eurem Artikel postuliert ihr, dass es sogenannte «dritte Räume» in der Wissenschaft braucht. Was kann man sich darunter vorstellen?

Dritte Räume kennen wir eigentlich alle aus dem Alltag: Öffentliche Parks, Plätze oder Kirchen sind solche Orte. Also alles, was weder zuhause noch Arbeit oder Schule ist und gleichzeitig für alle offen ist, unabhängig von Alter, Ausbildungsgrad, Geschlecht etc.

Und was wäre das entsprechende Pendant in der Wissenschaft?

Die Idee ist es, ähnliche Räume für die Wissenschaft zu kreieren. Sie müssen dabei nicht zwingend physisch sein - es könnten auch z.B. virtuelle Communities sein. Entscheidend ist, was sie leisten: Einen offenen und gleichberechtigten Zugang zu Wissenschaft und Wissensgenerierung. Universitäre oder industrielle Forschung ist immer mit Voraussetzungen verknüpft. Numerus clausus für gewisse Studiengänge, Masterabschluss, Doktorarbeit und/oder Zugehörigkeit zu einer Institution. Dritte Räume in der Wissenschaft wären Orte, wo Menschen unabhängig von Ausbildungsstand, Alter oder Hintergrund gemeinsam Fragen stellen, Daten erheben und Erkenntnisse gewinnen können.

Du hast vor, das Forschungslabor der BFH-Wirtschaft in diese Richtung weiterzuentwickeln. Kannst du deine Vision beschreiben?

Ich glaube, man kann mit Wissenschaft jede und jeden begeistern, weil es im Grund nur einen Funken Neugier braucht. Unser Forschungslabor an der Effingerstrasse bietet dafür aus meiner Sicht ideale Voraussetzungen. Wir empfangen dort schon jetzt Personen, die an laufenden Studien teilnehmen. Sie erleben dort, was ein Experiment überhaupt ist, und merken vielleicht, dass sie mehr zu gewissen Forschungsthemen beitragen möchten.

Das Forschungslabor als Brücke zwischen Wissenschaft und der Öffentlichkeit?

Genau. Die Museumsnacht war ein guter erster Test. Die Resonanz war grösser, als wir erwartet hatten. Wir haben jetzt einen Pool von Studienteilnehmer*innen aufgebaut. Für diesen Pool können sich alle registrieren, die Interesse haben. Meine Hoffnung ist, dass einige Personen aus diesem Pool irgendwann Mitgestaltende werden. Dass wir einmal im Monat zusammenkommen, neue Projekte vorstellen, Forschungsergebnisse teilen und gemeinsam fragen: Was bewegt euch? Welche Fragen habt ihr, auf die es noch keine Antworten gibt? Und dann gemeinsam auf die Suche gehen.

Wäre das Forschungslabor also eine Form von «public engagement»?

Public Engagement kann Vieles sein. Ein Science Slam, eine Museumsnacht oder ein Pint of Science. Das ist gut, aber es bleibt allermeistens eine Einbahnstrasse: Forschende erklären und das Publikum hört zu. Was ich mir vorstelle, geht weiter, das Co-Kreieren, das gemeinsame Lernen und Entwickeln stehen im Vordergrund – und ist eher als Citizen Science zu verstehen.

Und als Fachhochschule könnten wir ja auch davon profitieren, wenn externe Personen Forschungsprojekte mitgestalten.

Genau. Wenn wir nämlich nicht vorfiltern, also ein akademischer Hintergrund keine Voraussetzung ist, bringt das ganz andere Perspektiven mit ein. Und das verändert, welche Fragen wir stellen und welche Lösungen wir entwickeln.

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